Japanische Comics : Spaziergänge im Himmel

Zwei neue Comics des japanischen Manga-Meisters Jiro Taniguchi: In "Der spazierende Mann" wird ein scheinbar banaler Spaziergang zur Weltentdeckungsreise.

Ivo Joswig
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Der Weg ist das Ziel. In den Comics von Jiro Taniguchi zählen die kleinen, leisen Impressionen. -Illustration: Taniguchi/Carlsen

Dieses Jahr ist ein glückliches für alle Kenner von Jiro Taniguchi - und für alle, die Bekannschaft machen wollen mit einem der renommiertesten Manga-Autoren unserer Tage. Zwei deutschsprachige Neuerscheinungen stehen nun neben den bisher auf Deutsch erhältlichen Werken des Japaners: das im Carlsen Verlag herausgegebene „Der spazierende Mann“ und „Bis in den Himmel“, erschienen bei Schreiber&Leser.

Tanaguchis Arbeiten fanden ihren Weg von Japan nach Europa über die frankobelgische Comicszene, in der er sich schon vor Jahren einen Namen machte. 2007 erhielt er dann auch auf dem Comic-Salon Erlangen den Preis "Comic des Jahres" für seinen 416-Seiten-Wälzer „Vertraute Fremde“. Ein Novum in der deutschen Comicgeschichte: Erstmals wurde diese Auszeichnung einem Manga zugesprochen.

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Im Regen. Auf seinem Weg erlebt der "Spazierende Mann" seine Umwelt sehr intensiv. -Illustration: J. Taniguchi

Wer beim Stichwort "Manga" allerdings auf Superheldengeschichten à la Sailormoon oder Dragonball hofft, ist bei Taniguchi an der falschen Adresse. Große Augen, kleine Münder, gigantische Oberweiten und Muskeln haben in diesen Geschichten keinen Platz. Vielmehr geht es um die kleinen zwischenmenschlichen Dinge und den Blick fürs Detail, die seine Stories vorantreiben.

Ein Spaziergang wird zur Weltentdeckungsreise

So erzählt Taniguchi in "Der spazierende Mann" eine detailverliebte Geschichte, die in der Ruhe ihre Kraft findet. Der Leser erhält Einblick in das Leben und in die Sicht eines Mannes, dessen Name, Alter, Wohnsitz und Arbeitswelt dem Leser gänzlich unbekannt sind.

Die Geschichte beginnt damit, dass der Protagonist mit seiner Lebensgefährtin in ein Haus irgendeiner japanischen Vorstadt zieht. Während die Frau damit beschäftigt ist, die Umzugskartons auszupacken, verabschiedet sich der Protagonist mit den Worten: “Ich gehe mal ein paar Schritte vor die Tür!“ Mit geschlossenen Augen atmet er tief durch und beginnt, seine Umgebung Schritt für Schritt zu erkunden.

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Balanceakt. Gemeinsam mit seinem Hund gerät der namenlose Protagonist immer wieder in aufregende Situationen. -Illustration: J. Taniguchi

Auf seinem Weg begleiten wir ihn durch jede Wetterlage der vier Jahreszeiten und erleben mit ihm scheinbar alltägliche Geschichten. Der Mann gerät in einen Platzregen und wird von der Sonne verbrannt, beobachtet Vögel und holt ein Papierflugzeug aus einem Baum. Die filigranen und präzisen Bilder verleiten den Leser jedoch dazu, zu verweilen, genau hinzusehen, die Stimmungen des namenlosen Protagonisten in sich aufzunehmen.

So wird der scheinbar banale Spaziergang zur Weltentdeckungsreise. Größtenteils kommt der Comic ohne Text aus, bis zum letzten Kapitel werden die Stimmungen und Gedanken der Hauptfigur hauptsächlich zeichnerisch dargestellt. Erst auf den letzten Seiten gewährt Jiro Taniguchi dem Leser einen Einblick in die Gedankenwelt eines Mannes, der seinen Weg gefunden hat.

Zwei Persönlichkeiten im selben Körper

Ein textlastigeres und storyreicheres Comic ist „Bis in den Himmel“. Fast filmisch umgesetzt, zieht der umfangreiche Plot den Leser in seinen Bann und lässt nicht los, bis die letzte Seite gelesen ist.

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Im Koma. Der junge Takuya in "Bis in den Himmel" wird gleich erwachen - und zwei Persönlichkeiten gleichzeitig haben. -Illustration: J. Taniguchi

Takuya Odonera, ein 17-jähriger Motorcross-Champion, und der überarbeitete Familienvater Kazuhiro Kuboto liegen nach einem Verkehrsunfall in den Straßen Tokios im Koma. Takuya überlebt trotz schwererer Verletzungen und erwacht genau in dem Moment, als Kazuhiro Kuboto sein Leben aushaucht. Beide Persönlichkeiten leben nun im selben Körper weiter.

Sie stellen fest, dass Kazuhiro diese Welt nicht verlassen kann, ohne noch etwas erledigt zu haben. Durch Rückblicke in die Vergangenheit der Protagonisten erfährt man, dass beide Individuen ihr Leben abseits ihrer Familien gelebt haben.

Takuya  konzentriert sich nach dem Tod seiner Mutter nur noch auf seine Karriere als Motoradfahrer und lehnt seine Familie ab, nachdem der Vater eine neue Frau gefunden hat. Kazuhiro Kubota hingegen kann sich aus Angst, seinen Job zu verlieren, nicht um seine Frau und ihre gemeinsame Tochter kümmern.

Da Kazuhiro sich im Körper Takuyas befindet, übernimmt er vorerst die Rolle des Jungen und bekommt dadurch Einblick in dessen Leben. Schließlich haben beide die Chance, ihr Leben und das ihrer Angehörigen in ein neues Licht zu rücken.

Manga auf höchstem Niveau

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Beide Comics vermitteln durch die gradlinigen Zeichnungen ein Gefühl der Ruhe und Gelassenheit. Dennoch hat Taniguchi zwei spannende Geschichten geschaffen, die zur Selbstreflektion animieren. Mit Tiefgang und subtiler Kritik beleuchtet der Autor Familienstrukturen und Arbeitshaltung der Menschen in Japan.

Wer sich dem Genre Manga auf höchstem Niveau nähern möchte, Happy Ends nicht verachtet und sich einen Einblick in die japanische Kultur verschaffen möchte, kann sich sorglos auf eines dieser Werke einlassen. Es ist noch nicht einmal nötig, seine westlichen Lesegewohnheiten abzulegen. In der deutschen Version sind beide Mangas von links nach rechts zu lesen.

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Jiro Taniguchi: Bis in den Himmel.

Verlag Schreiber&Leser

. Schwarzweiß, 304 Seiten, 16,95 Euro.

Jiro Taniguchi: Der spazierende Mann. Carlsen Verlag. Schwarzweiß, 168 Seiten, 14 Euro.


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