„Jerusalem - Ein Familienporträt“ : Gespaltene Familien, gespaltenes Land

Boaz Yakin und Nick Bertozzi schöpfen mit ihrer Erzählung „Jerusalem - Ein Familienporträt“ die Möglichkeiten des Comics als politische Kunstform eindrucksvoll aus.

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Freund oder Feind? Eine Szene aus „Jerusalem - Ein Familienporträt“.
Freund oder Feind? Eine Szene aus „Jerusalem - Ein Familienporträt“.Foto: Panini

Es gibt zahlreiche Comics über Israel. Das Land wurde bereits aus den verschiedensten Perspektiven beleuchtet und unterschiedliche Tonalitäten wurden genutzt um sich der konfliktreichen Geschichte dieses Landes anzunähern - von Sarah Gliddens „Israel verstehen – in 60 Tagen oder weniger“ über die Bücher Rutu Modans und Guy Delisles bis zu zahlreichen Austauschprojekten deutscher und israelischer Zeichner. Trotz allem sticht der - schlicht mit „Jerusalem. Ein Familienporträt“ betitelte Comic von Boaz Yakin und Nick Bertozzi, aus dieser Fülle von Publikationen deutlich hervor.

Die Reduktion im Titel ist zielführend. Natürlich steht die gesamtisraelische Gesellschaft im Zentrum der Betrachtungen, aber die bis heute geteilte Stadt, die anhand des auf zwei separate Staatsgründungen abzielende Teilungsplans von Palästina von 1947 zwischen diesen Staaten liegen sollte, dient als Kristallisationspunkt der verschiedenen narrativen Stränge, die in diesem Comic gebündelt werden.

Man könnte den Titel somit auch als eine Chiffre für den bis heute unabgeschlossene Prozess der Staatswerdung betrachten. Und die Familiengeschichten somit als ein Bericht über das Leben in dieser unvollendeten historischen Entwicklung.

Biografische Splitter ergeben ein historisches Tableau

Der Comic basiert auf wahren Begebenheiten und dies macht ihn so schwer zu fassen. Denn Yakin arbeitet in diesem wechselhaften biografischen Puzzle, welches sich aus den Prismen dreier Familiengeschichten zusammensetzt, die unterschiedlichen Aspekte der politischen Landschaft der israelischen Gesellschaft vor der Staatsgründung 1948 heraus.

Häuserkampf: Eine Szene aus „Jerusalem - Ein Familienporträt“.
Häuserkampf: Eine Szene aus „Jerusalem - Ein Familienporträt“.Foto: Panini

In einer Zeit gerahmt von den grauenhaften Erfahrungen der Shoa und der bevorstehenden Geburt der Nation werden zionistische und kommunistische Aktivitäten, nationalistische Perspektiven und religiöse Diskurse zu dem stringenten Gesamtbild dieser vielstimmigen Erzählung verschränkt.

Die hochkomplexen, sich überlappenden Einzelberichte wirken zwar zu Beginn der Lektüre etwas unübersichtlich und verworren, aber bereits nach wenigen Seiten stellt sich eine erzählerische Sogwirkung ein, der man sich nur schwer widersetzen kann. Und die zunächst vereinzelt wirkenden biografischen Splitter fügen sich mühelos zu einem verschlungenen historischen Tableau des Transformationsprozesses des Nahen Ostens zusammen.

Als Juden und Araber gemeinsam kämpften

Der Comic beginnt in der Zeit des britischen Völkerbundmandats in Palästina. Zwar kämpfen noch junge jüdische Freiwillige als Teil der „Jewish Brigade“ gemeinsam mit der britischen Armee in Nordafrika und Griechenland gegen das faschistische Europa, aber im britischen Mandatsgebiet formiert sich bereits ein antikolonialer Widerstand. Dieser bestand, auch wenn dies anhand der aktuellen Lagen heute nur sehr schwer vorstellbar ist, aus jüdischen und arabischen Einwohnern des Mandatsgebiets.

Zeitgleich fand man dort aber auch scharfe nationalistische, völkische Bewegungen vor, die nur wenig Versöhnendes verband. Die Leser werden zügig in die stürmischen politischen Strukturen dieser Zeit eingeführt. Illustriert wird dies durch die biografischen Spuren der einzelnen Protagonisten, welche in dieser illustrierten Geschichte eines historischen Umbruchs zu Wort kommen.

So spielt die Eröffnungsszene in einer Schule. Hier setzt sich ein Schüler bereitwillig der Prügelstrafe durch den Lehrer und seiner späteren Inhaftierung im Schulkerker des Klosters aus. Sein Vergehen? Er stellte die Frage nach einem Stift nicht auf Englisch, sondern in Hebräisch. Sprache als Provokation. Diese beiläufige Szene verdeutlicht die sozialen Sprengkräfte dieser Zeit.

Britische Offiziere helfen bei Pogromen gegen Juden

Aber nicht nur dieser Gegensatz wird thematisiert, auch die konflikthaften Auseinandersetzung zwischen den Befürwortern eines nichtvölkischen, befreiungsnationalistischen Diskurses und den Anhängern zionistischer Ideen finden ihren Platz in diesem politischen Kaleidoskop. Dieser Riss durchzieht auch die Familiengeschichten. Spaltungen in jeder Familie. Zerrissenheit und Konkurrenz der Ideen. Hier prallen die Sichtweisen der im kommunistischen Untergrund aktiven Familienmitglieder auf jene, die im Verteilen zionistische Flugblätter nur noch wenig politische Stoßkraft sehen und sich zunehmend radikalisieren. Der Comic benennt Bruchstellen, Kontrastflächen und Konfliktlagen und verbindet so die Einzelschilderungen zu einem anschaulichen Mosaik dieser Epoche.

Geschichte in Geschichten: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.
Geschichte in Geschichten: Eine weitere Seite aus dem besprochenen Buch.Foto: Panini

Der schwarz-weiß gehaltene Comic bedient sich einer schlichten, aber präzisen und trotz aller bewussten Reduktion detailreichen Bildsprache. Dies überrascht auf den ersten Blick, ist der Zeichner Nick Bertozzi doch eigentlich im frankobelgischen Design heimisch. Bei „Jerusalem“ verzichtet er jedoch auf diesen zeichnerischen Ausdruck und ersetzt ihn durch einen radikal verknappten Stil, dessen subtiler Andeutungsreichtum beeindruckt. Weniges wird explizit ausgesprochen und doch kann man als Leser dem Sog der Geschichte kaum widersetzen.

Bertozzi gelingt ein Kunststück, denn obwohl der Comic dezidiert politisch ist, findet eine Darstellung der Politik selten offensichtlich statt. Vielmehr wird mit einer Verlagerung des Politischen ins Persönliche operiert. So fallen in erster Linie die kraftvollen Mimiken seiner Figuren ins Auge. Die Protagonisten befinden sich oftmals in emotionalen Ausnahmesituationen. Diese Gefühlswelten werden durch großflächige Gesichtsstudien herausgestellt. Der Zeichner schreckt auch nicht davor zurück, brutale Gewalt in aller Deutlichkeit und ohne distanzierenden Perspektiven darzustellen. Auf eine Explosion folgen zerfetzte Menschenleiber, hier wird keine Kriegshandlung beschönigt, keine Tat durch vermeintlichen Heroismus verzerrt.

Auch diese ungefilterte, rohe, jedoch niemals parteiische Bildsprache macht den Comic zu einer Ausnahme, denn keine der Parteien wird in diesem scharf umkämpften Deutungsraum in irgendeiner Form privilegiert, vielmehr sind alle von der Bestialität der Gewalt bedroht. Durch den Verzicht auf mildernde Verklärungen des Konflikts erreicht „Jerusalem“ eine glaubwürdige, emotionale Tiefe, welche gleichermaßen packend wie ernüchternd ist, da am Ende stets nur Resignation und Verzweiflung steht.

Vielleicht ist es ein bloßer Zufall, aber möglicherweise kann der gewählte Stil auch als eine Hommage oder grafische Replik verstanden werden, da seine kräftige Schraffur und markante Schatten-Licht-Kontraste oftmals eine Verwandtschaft zu Joe Saccos („Palästina“) prägnanten Strich aufweisen, der als einer der ersten sich mit den Mittel des Comics dieser Thematik annäherte. 

Biografisches Puzzle: Das Covermotiv von „Jerusalem - Ein Familienporträt“.
Biografisches Puzzle: Das Covermotiv von „Jerusalem - Ein Familienporträt“.Foto: Panini

Selten wurden kontroverse Aspekte der israelischen Geschichte so direkt und schnörkellos dargelegt wie in diesem Titel. Die Schilderungen des Massakers von Deir Yassin, (welches durch Teile der zionistischen Untergrundorganisation Irgun verübt wurde) wird mit drastischen Bildern aufgezeigt, und auch die fortschreitende Radikalisierung der zunächst friedlichen, offen anti-britischen Agitation wird nicht ausgespart. Die terroristischen Anschläge auf die britische Mandatsverwaltung durch die oft miteinander konkurrierenden jüdischen Untergrundorganisationen werden ebenso sichtbar gemacht wie der offene Antisemitismus verschiedener britischer Offiziere, die bei einem Pogrom in einem jüdischen Viertel durch arabische Nationalisten den Mob auf die Verstecke der Geflohenen hinweisen und deren brutalen Tod billigend in Kauf nehmen.

Die beiden letztgeschilderten Szenen gehören zu den grausamsten dieses Comics, der schonungslos schildert, wie das mögliche multiethnische Palästina an der Staatsgründung zerbricht. Ob es möglich ist diese Bruchstücke zu einem neuen Ganzen zusammenzusetzen, darauf geben die Autoren keine Antwort.

Boaz Yakin / Nick Bertozzi: Jerusalem - ein Familienporträt, Panini Comics, 404 Seiten, 29.99 Euro

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