Kalter-Kriegs-Drama : Griff nach den Sternen

Die sowjetische Kosmo-Hündin Laika war das erste irdische Lebewesen im Weltall. 50 Jahre später erzählt Nick Abadzis ihre Geschichte in einem bewegenden Comic-Roman zwischen Fakt und Fiktion, der jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

von
Flug ohne Rückfahrkarte: Eine Szene aus dem Buch.
Flug ohne Rückfahrkarte: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Atrium

Nichts und niemand war vor den Auswirkungen des Kalten Krieges sicher. Selbst das Weltall wurde in den globalen Schlagabtausch zwischen den Vereinigten Staaten und der ehemaligen Sowjetunion einbezogen, der schließlich in der Kubakrise gipfelte, als die Welt nur einen Knopfdruck vom nuklearen Desaster entfernt war. Vor diesem hässlichen Höhepunkt befeuerte der Konflikt allerdings auch den wissenschaftlichen Fortschritt und den Eintritt ins Zeitalter der Raumfahrt, als die Großmächte in West und Ost versuchten, einander im prestigeträchtigen Rennen zum Mond zu übertrumpfen.

Auch wenn US-Präsident Eisenhower 1955 als Erster die Eroberung des Alls zum Ziel erklärte, lag der Vorteil bald schon hinter dem Eisernen Vorhang, wo man am 4. Oktober 1957 mit Sputnik I den ersten künstlichen Satelliten in die Erdumlaufbahn schoss. Nikita Chruschtschow erkannte früh das Propaganda-Potenzial der Bemühungen, dem Menschen das Weltall – oder eher: das Weltall den Menschen – näher zu bringen, und förderte die Forschung.

Doch mit der Aufmerksamkeit des Partei- und baldigen Regierungschefs wuchsen nicht nur die Mittel für die Pioniere der blutjungen sowjetischen Raumfahrtbehörde – auch der Druck steigerte sich drastisch. Chruschtschow wollte den Nachfolger Sputnik II pünktlich zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution am 7. November 1957 im All wissen. Mehr noch: Um die totale Überlegenheit des sozialistischen Systems gegenüber dem Westen aufzuzeigen, sollte mit Sputnik II erstmals ein Lebewesen von der Erde aus ins All geschossen werden. Der Zeitplan war mörderisch; an einen Menschen in der Raumkapsel war unter diesen Bedingungen nicht zu denken (es sollte noch bis 1961 dauern, ehe mit dem Kosmonauten Juri Alexejewitsch Gagarin der erste Mensch ins All flog). Doch zum Glück gab es ja den besten Freund des Menschen, der ihm den Weg ebnen sollte.

Propagandalüge

So wurde aus dem hitzigen Wettrennen zum Mond ein Wettrüsten mit kalter Schnauze. Viele Tests wurden gemacht, viele Hunde in Kapseln und andere Gerätschaften gesetzt – und nicht alle Vierbeiner kehrten auch wieder in ihren Käfig zurück. Am Ende schoss man in einer kleinen Raumkapsel mit Sputnik II die Mischlingshündin Kudrjawka („Löckchen“) in den Weltraum, die erst in der Endphase des ehrgeizigen Projekts in Laika („Kläffer“) umgetauft wurde . Eine Rückfahrkarte besaß Laika dabei nicht – das unbarmherzige Zeitkorsett ließ keine Ausarbeitung eines Rückholplans zu. Laika starb dann auch bereits nach fünf Stunden im Weltall aufgrund der Überhitzung ihrer Kapsel. Als Held, wie die Propagandamaschinerie der Sowjets versicherte – qualvoll, wie sich die erschütterte Weltöffentlichkeit sicher war.

Geheime Mission: Eine Szene aus dem Kontrollzentrum.
Geheime Mission: Eine Szene aus dem Kontrollzentrum.Foto: Atrium

Die Obrigkeit der Sowjetunion blieb jedoch lange Zeit bei der ursprünglichen Propagandalüge, dass Laika vier Tage im All überlebte und unverzichtbare wissenschaftliche Erkenntnisse lieferte, ehe sie wie vorgesehen an einer Giftration in ihrem Futter starb. Doch schon 1957 beeindruckten solch überschwängliche Reden im Äther über dem Kreml den Rest der Welt kaum. Erst Ende der Neunziger räumte man schließlich auch in der ehemaligen Sowjetunion ein, dass Laikas Heldentod beschönigt worden war und doch nicht die großartigen, elementaren Erkenntnisse für die Raumfahrt-Forschung geliefert hatte, wie es ursprünglich einmal hieß.

Als 2002 weitere neue Informationen ans Licht der Öffentlichkeit gelangten, war für Comic-Künstler Nick Abadzis die Zeit gekommen, die Geschichte als Graphic Novel umzusetzen. „Dass das eine gute Story ist, wusste ich schon, seit ich sechs Jahre alt war“, sagte er einmal in einem Interview. Mit den neuen Informationen und dem 50-jährigen Jubiläum der Sputnik-Erfolge vor Augen, schuf er 2007 also seinen Comic-Roman „Laika“.

Vom Straßenköter zum Testpiloten

Wie die zweite Sputnik-Mission, führte die geplante Veröffentlichung zu just diesem geschichtsträchtigen Datum jedoch zu einem äußerst straffen Zeitplan: Ursprünglich hatte Abadzis sogar eine Trilogie mit dem Stoff im Sinn gehabt. Doch da das 50-jährige Sputnik-Jubiläum inzwischen viel zu nahe war, um eine dermaßen umfassende Reflexion der Ereignisse zu realisieren, dampfte er seinen Handlungsentwurf ordentlich ein und schrieb und zeichnete in acht Monaten 200 Comic-Seiten. „Es wäre stark untertrieben, es als extrem harte Arbeit zu bezeichnen“, erinnerte sich der 1965 in Schweden geborene und in England und der Schweiz aufgewachsene Künstler vor einiger Zeit an die Entstehung seines Comic-Denkmals für den ersten irdischen Weltraumpionier auf vier Pfoten.

Dessen Geschichte bereicherte Abadzis für seinen Comic um eine recht traurige Herkunftsgeschichte als Straßenköter, die wie viele Szenen im Band von großer, typisch russischer Melancholie durchzogen ist. Letztlich ist die vorzügliche Mischung aus gut recherchierten Fakten und anreichernder Fiktion der Trumpf dieser Graphic Novel über einen kleinen Mischlingshund, der vom verschmähten Liebling und einem Leben auf den kalten Straßen seiner Heimat zur Hoffnung im schweißtreibenden Wettrüsten mit Blick auf das Weltall wird.

Dafür muss Laika nicht nur in einen Raumanzug schlüpfen oder sich an Gel-Futter gewöhnen, sondern wird auch in einer Zentrifuge und einem Düsenjäger auf ihre G-Kraft-Verträglichkeit getestet. Was für den Hund schon eine Strapaze ist, wird auch für seine Betreuer, denen er ans Herz gewachsen ist, zur Zerreißprobe. Nur selten darf Laika einfach nur ein Hund sein – etwa wenn der Leiter des Hunde-Projekts bei der Luftwaffe Mitleid mit dem Hund hat, der seinen Raumflug nicht überleben wird, und ihn am Abend vor der Abreise zur streng bewachten Raketenbasis mit nach Hause nimmt, damit Laika mit seinen Kindern spielen kann.

Künstlerische Dokumentation

Doch Abadzis beschränkt sich nicht nur auf das Schicksal seines schwanzwedelnden Protagonisten. Viel mehr stellt er eine gesamte Ära dar, in der das Greifen des Menschen nach den Sternen von globaler politischer Bedeutung gewesen ist. Ständig hat Abadzis die Menschen im Bild, die auch ohne die Verbindung zu einem ständig in Gefahr lebenden, dem Tode geweihten Hund in einer brisanten, schwierigen Lage stecken – in einer Welt, in der blindwütiger Patriotismus über alles geht und ein falsches Wort und eine vage Verleumdung schon schreckliche Folgen haben können. Was niemand besser weiß als Chefkonstrukteur Sergei Koroljow, der vor seinem Aufstieg als treibende Kraft des Sputnik-Projekts in einem Gulag inhaftiert war. Offenheit ist demzufolge nur selten Teil des Alltags, der um Laika herum gelebt wird, und wird noch am ehesten in einem eingebildeten Gespräch vor dem Hundezwinger erreicht, wenn die so aufgestauten Schuldgefühle ein Ventil suchen ... 

In vielen kleinen Panels und mit einem ganz eigenen künstlerischen Duktus fängt Abadzis das Leben der Menschen in dieser Hochphase des Kommunismus ein und verknüpft ihr Schicksal mit der rasanten Entwicklung der sowjetischen Raumfahrtprojekts und dem Werdegang seines ersten großen Helden. Dabei ist Abadzis, dessen Werke schon in der „Times“ und im „Guardian“ erschienen, zuweilen so detailverliebt wie Tolkien und achtet sogar auf eine akkurate Darstellung der Mondphasen, wann immer es anhand eines konkreten Datums möglich war. 

Seine umfassenden Recherchen der Hintergründe und der wahren Begebenheiten führten Abadzis, der heute in London lebt, u. a. in die British Library und in Koroljows Haus in Moskau. Der Aufwand hat sich gelohnt: Wahrscheinlich war es nur mit so vielen harten Fakten möglich, durch das Lügengespinst zu blicken und vor allem das spezielle Zeitgefühl dieser von hektischer, ja gefährlicher Betriebsamkeit durchzogenen Ära hinter dem Eisernen Vorhang so gut auf die Seiten seines nicht ohne Grund mit einem Eisner Award prämierten Comics zu bannen.

Tierisch viel Menschlichkeit

Trotz der gelungenen Verwebung von Nachforschungen, Tatsachen und der Fantasie eines begabten Erzählers, hätte „Laika“ am Ende noch über seinen Protagonisten stolpern können. Denn es ist alles andere als leicht, bei einem niedlichen Hund mit einem so tragischem Schicksal – der laut zeitgenössischen Fotografien wirklich herzallerliebst und vereinnahmend gewesen sein muss – nicht permanent ins Kitschige abzudriften. Aber Abadzis gelingt fast durchgehend das große Kunststück: Seine Bilder und Dialoge sind immer sehr gefühlvoll und häufig sogar rührend, aber eben nur selten unangenehm gefühlsduselig.

Comic-Heldengeschichten um die klassischen Superhelden wie den amerikanischen Super-Pfadfinder Superman und seinen Superhund Krypto stehen angesichts der omnipotenten Macht des Mannes und des Hundes aus Stahl gerne in dem Verdacht, Menschlichkeit und das Gefühl echter Herausforderungen vermissen zu lassen, da die Heroen quasi unverwundbar sind und nicht scheitern, ja damit letztlich nicht sterben können.

Demnach ist „Laika“ genau der richtige Comic für alle, die mit dem endlosen Kampf für Gerechtigkeit und eine bessere Welt à la Superman nichts anfangen können. Nick Abadzis Graphic Novel ist eine tierische, dramatische und doch realistische Heldengeschichte mit viel Tragik und Menschlichkeit, deren bekannter Ausgang nichts an ihrer Eindringlichkeit und narrativen Qualität ändert. Oder daran, dass nette Menschen und echte Helden nicht immer ihr verdientes Happy End bekommen. Guter Hund. Gut aufbereitete Geschichte. Guter Comic.

Nick Abadzis: Laika, Atrium, Klappenbroschur, 206 Seiten, 20 Euro, Leseprobe unter diesem Link.

Mehr von unserem Autor Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. 

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben