Kinder-Comics : Mit frischem Schwung in die Kinderbuchecke

Zwergbären, Trolle und Mitternachtsriesen: Wie Zeichner und Verleger den Nachwuchs neu entdecken – und welche Titel besondes zu empfehlen sind.

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Ohne Worte: Eine Seite aus „Kleiner Strubbel“.
Ohne Worte: Eine Seite aus „Kleiner Strubbel“.Foto: Reprodukt

„Comics sind wieder Kinderkram“, verkündet selbstbewusst der Berliner Verlag Reprodukt in seiner neuen Broschüre über Kindercomics. Und ein wenig muss man schmunzeln, war der Verlag doch mitverantwortlich für die derzeitige Welle an modernen Bilderzählungen für Erwachsene, Graphic Novels genannt. Zudem scheint es noch gar nicht lange her, dass Comics herablassend als Kinderkram kritisiert und als minderwertige Leselektüre eingestuft wurden. Der Tagesspiegel hatte sich vor rund zwei Jahren bei einer Bestandsaufnahme schon auf die Suche nach guten Kindercomics gemacht. Nun ist der Wunsch erhört worden und es werden Comics wieder explizit für Kinder angeboten, damit möchte man die zukünftigen Lesergenerationen mit guten Comics vertraut machen.

Kindercomics fanden sich bislang fast ausschließlich am Kiosk, allerdings gibt es nur wenige Hefte - etwa das „Micky- Maus-Magazin“ oder „Die Simpsons“ - die ein reines Comicangebot haben. Die meisten Hefte sind sogenannte Activity-Produkte mit Rätseln, Kurzgeschichten, Spielen und in der Regel auch einer Comicgeschichte. Im Buchhandel aber ist die Kinderbuchecke weitgehend comicfreie Zone. Da aber Comics generell im Buchhandel im Wachstum begriffen sind, versuchen die Verlage, nun auch den Nachwuchs wieder anzusprechen.

So bringt der Splitter-Verlag in seinem Label Toonfish traditionelle frankobelgische Hardcoveralben für Kinder. Doch an den Comicalben - wie der neu aufgelegten "Benni Bärenstark"-Reihe - werden auch die Probleme der ehedem als Vorzeigecomics für Kinder gehandelten Funny-Reihen deutlich. Die Klassiker des frankobelgischen Comics sind oftmals mehr als ein halbes Jahrhundert alt und suchen nach einem Platz in der Moderne. So auch Benni Bärenstark. Bereits Anfang der sechziger Jahre ersann Peyo, der Schöpfer der Schlümpfe, die Abenteuer des kleinen Jungen, der Superkräfte besitzt, diese aber verliert, wenn er von einem Schnupfen geplagt wird. Die frühen Bände sind dann auch wunderbar altmodische Lektüre, wo Gut und Böse noch klar voneinander getrennt sind und die Comicwelt noch in Ordnung war.

Klassiker: "Benni Bärenstark" wird jetzt bei toonfish neu aufgelegt.
Klassiker: "Benni Bärenstark" wird jetzt bei toonfish neu aufgelegt.Foto: toonfish

Wie sehr man die Unschuld vermisst, sieht man an den neuesten Bänden der Serie, die nach dem Tod von Peyo entstanden sind: Die Prämisse bleibt dieselbe wie vor 50 Jahren, es sind komödiantische Abenteuercomics für Kinder, stilistisch selbstverständlich möglichst nah am Ursprung und dementsprechend immer nett altmodisch. Doch es ist dem Team anzumerken, dass das Bemühen um moderne Geschichten ihm schwerfällt. Der klassische frankobelgische Abenteuer-Funny-Comic hat durchaus seine Berechtigung als Kindercomiclektüre und begeistert immer noch Jungs, aber moderne Kindercomics sollten neue Wege gehen.

Das es auch anders geht, beweist Émile Bravo. Mit den drei querformatigen Bänden von „Die sieben Zwergbären“ hat er eine eigene Märchenwelt geschaffen, voll mit ironischen Verweisen und spitzbübisch-flapsigen Übertreibungen. Dort wird das bekannte Grimmsche Kulturgut nicht ganz so ernst genommen. Und weitere Titel von Bravo werden im Herbst beim Carlsen- Verlag folgen. Da aber den Kindercomics die Altersdeklaration fehlt, sind sie leider auch ein wenig im normalen Programm versteckt.

Denn strategisch so einprägsam wie Reprodukt geht keiner der anderen Verlage vor. Gleich sieben Novitäten stehen dort in diesem Frühjahr an. Zudem zeugen eine Kindercomic-Webseite und ein eigener Katalog von einem durchdachten Konzept Ein Novum für einen deutschen Comicverlag ist dabei die Alterseinordnung, die es den Käufern - die wahrscheinlich in der Regel Eltern sein werden - erleichtert, den richtigen Comic für das richtige Alter zu finden. So gibt es zwei Lesestufen, für Vorschul- (3+) und Grundschulkinder (6+). Mit dieser Einteilung folgt man auch internationalen Entwicklungen, denn in den großen Comic-Kulturen Frankreich und USA gibt es schon länger Bestrebungen, die richtigen Comics für das richtige Alter anzubieten und weg von den sogenannten All-Ages-Comics zu kommen, die gleichzeitig alle Altersstufen ansprechen wollen.

Großartig: Eine Szene aus „Hilda und der Mitternachtsriese“.
Großartig: Eine Szene aus „Hilda und der Mitternachtsriese“.Foto: Reprodukt

Art Spiegelman, der mit seiner Frau Francoise Mouly verantwortlich für den amerikanischen Kindercomicverlag Toon Books ist, hat auf seiner Seite gar eine Einführung mit Vorlesetipps für Eltern, Lehrer und Bibliothekare. Hier können Erwachsene lernen, wie sie mit Comics als Vorleselektüre umzugehen haben, das ist nicht nur äußerst lehrreich, sondern bietet darüber hinaus eine Menge Tipps für den Umgang mit Comics. Überhaupt ist die Seite voll mit Informationen, das wäre auch hierzulande eine enorme Hilfestellung bei der Etablierung von Kindercomics.

Zunächst müssen aber auch die Veröffentlichungen überzeugen. So erscheinen jetzt auch Reihen für die ganz Kleinen, die allesamt die Comic-Lesekompetenz fördern. Es sind wortlose Bildergeschichten, die in Panels erzählt werden („Kleiner Strubbel“), oder Vorlesebücher mit Sprechblasen („Mouk“). Mit diesem neuartigen Vorschulcomic-Konzept geht man in Konkurrenz zum etablierten und kulturell anerkannten Bilderbuch, was auch an der Ausstattung deutlich wird. Buchdesign spielt eine wichtige Rolle bei den Veröffentlichungen. Mit diesen Comic-Bilderbüchern sollen Kinder schon frühzeitig Comics lesen lernen und mit der Bildsprache als auch der Text-Bild-Kombination vertraut werden.

Für die Fortgeschrittenen gibt es dann den charmant-albernen Esel „Ariol“ oder das großartige „Hilda und der Mitternachtsriese“ zu lesen, eine herrlich verstiegene Geschichte um ein unerschrockenes kleines Mädchen, das in einem fremdartigen Tal mit seiner Mutter wohnt, wo auch Naturgeister, Trolle und andere wundersame Lebewesen leben. So dürfen Kindercomics von heute sein: ein wenig Hayao Miyazaki, ein wenig isländische Sagenwelt und viel Fantasie. Auch wenn dieser Band jung und alt zu begeistern vermag (was schon an der Ausstattung als Comicalbum mit Leinenrücken deutlich wird), so sollten sich jedoch auch alle den frischen Ideen erfreuen können.

Für Bildungsbürgerkinder: Ralph Ruthes und Flix' "Ferdinand".
Für Bildungsbürgerkinder: Ralph Ruthes und Flix' "Ferdinand".Foto: Carlsen

Die größte Überraschung sind aber womöglich die Eigenproduktionen deutscher Zeichner: Bei Reprodukt sind die schon als Bilderbuchillustratoren bekannten Ulf K. („Pelle und Bruno“) und Patrick Wirbeleit („Kiste“, mit Uwe Heidschötter) tätig, und bei Carlsen versuchen sich Cartoonist Ralph Ruthe und Tagesspiegel-Zeichner Flix („Ferdinand - Der Reporterhund“) am Kindercomic. Ulf K., einer der renommiertesten deutschen Comiczeichner und Bilderbuchillustratoren, weiß geschickt die Ikonographie der Comics einzusetzen und bietet eine Comicsozialisation für die Kleinen. „Kiste“ hingegen ist die Geschichte eines sprechenden Pappkartons und einem Jungen, garniert mit ein wenig Magie und jeder Menge schrägen Ideen. Wirbeleit, der ebenfalls als Bilderbuchillsutrator tätig ist, ist auch konzeptionell in die Veröffentlichungen eingebunden. Zuguterletzt noch „Ferdinand“, ein Kindercomicstrip, der in der Kinderbeilage des „Spiegel“ erschienen ist. Flix setzt die Texte seines Kollegen in variationsreichen Bildern um, die auf den Sachtext mitunter konterkarieren. „Ferdinand“ wirkt aber mit seinen thematischen Lehrtexten mitunter wie für das Bildungsbürgertumskinderzimmer gemacht.

So gibt es in diesem Frühjahr tatsächlich so etwas wie eine kleine Kindercomicoffensive für den Buchhandel. Man kann also nicht sagen, dass das Medium Comic nicht zu überraschen weiß. Den Kindern aber wird letzten Endes egal sein, woher ihre Lieblingscomics stammen, denn nur durch altersgerechte Umsetzungen und zeitgemäße Themen sind sie zu überzeugen. Wer wüsste das besser als die neue Elterngeneration in den Verlagen und am Zeichentisch.

Unser Autor Klaus Schikowski ist Comic-Publizist (Die großen Künstler des Comics u.a.) und Vater einer fünfjährigen Tochter.

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