Literaturtipp : Zu Besuch in der eigenen Vergangenheit

Mangazeichnerin Inga Steinmetz empfiehlt die Erzählung "Vertraute Fremde"

Inga Steinmetz
Inga Steinmetz
Inga Steinmetz lebt in Berlin und zeichnet unter anderem die Serie "Freche Mädchen - freche Manga!", deren erster Band "Handykuss...Foto: Privat

Auch einem Manga-Neueinsteiger wird auf den ersten Seiten von "Vertraute Fremde" schnell klar: Hier liegt ein Werk vor, dass sich in vielen Belangen von den Manga unterscheidet, die man normalerweise in den Regalen der Buchläden findet. Noch vor dem ersten Lesen fallen das etwas größere Format und die "normale", also westliche Leserichtung auf, es gibt Klappentexte und auf der Rückseite finden sich Hinweise auf Auszeichnungen, die "Vertraute Fremde" bekommen hat. Noch vor den ersten Manga-Seiten, hat man dem Buch sogar ein kleines Vorwort spendiert, in dem etwas hochtrabend darauf hingewiesen wird, wie außergewöhnlich und wertvoll die Arbeit ist, die Jiro Taniguchi hier geleistet hat. Überhaupt macht die Aufmachung eher den Eindruck, als wolle man sich von den normalen Unterhaltungsmanga distanzieren, vielleicht um auch einen etwas "hochwertigeren" Eindruck zu erzeugen.

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Tatsächlich ist es so, dass "Vertraute Fremde" eher für ein älteres Publikum konzipiert ist, da in Japan Comics generationsübergreifend gelesen werden. Daher ist es nicht ungewöhnlich, dem älteren Publikum auch eine ältere Identifikationsfigur zu geben, in diesem Fall den 48-jährigen Japaner Nakahara. Dieser Mann steigt nach einer längeren Geschäftsreise in den falschen Zug und statt zuhause bei Frau und Kindern, landet er in seiner alten Heimatstadt. Da sich der Anfang sehr realistisch und etwas banal gestaltet, erwischt einen das folgende Ereignis relativ unerwartet: Auf seinem Streifzug durch die fast vergessenen Straßen und Orte seiner Kindheit, findet er sich unerklärlicherweise plötzlich in eben dieser wieder. Er ist ein 48-jähriger Mann im Körper seines jungen 14-jährigen Selbst, die Zeit hat sich zurückgedreht, er ist wieder im Jahre 1963. Der Manga beleuchtet fortan weniger die Frage nach dem "warum", sondern beschäftigt sich damit, was Nakahara mit der Zeit anfängt, die ihm durch dieses Ereignis erneut gegeben ist.

Auffällig ist der von Anfang bis Ende konsequent ruhige Erzählstil, der vielen unerfahrenen Lesern den Einstieg in die Geschichte sehr erleichtern wird. Ebenso ruhig und übersichtlich ist der Seitenaufbau, das Auge erfasst oft zeilenweise die Bilder, was für ein fast gleitendes Lesegefühl sorgt, dass ältere Leser oft als angenehmer empfinden. Von den geradezu explodierenden Seiten der Jungen- oder Mädchenmanga ist man hier also weit entfernt. Ebenso ungewöhnlich ist der große Detailgrad in den schwarz-weißen Hintergründen, in denen oft Grashalm für Grashalm mit schmalem Strich herausgearbeitet wurde. Auch die japanische Architektur der damaligen Zeit lässt sich durch die sorgfältige Übertragung aufs Papier sehr gut studieren, eine logische Konsequenz, da die Heimatstadt Nakaharas quasi die zweite Hauptrolle spielt.

Taniguchi arbeitet mit sehr vielen Grauflächen, allerdings in fast immer der gleichen Helligkeit und wenig Schwarz. Das verleiht den Seiten eine gewisse Leichtigkeit, die aber durch das großflächige Grau wieder ausgeglichen wird. Auch fehlt die übertriebene Comic-Mimik, die vielen Manga so eigen ist. Taniguchi verlässt sich vollständig auf realistisches Minenspiel.

Die Sanftheit und Ruhe, die der Manga in allen Bereich aufbaut, führt dazu, dass man sich außergewöhnlich gut selbst auf die Reise in die Stadt begeben kann und an Nakaharas Seite in eine gerade für deutsche Leser sehr fremde Welt eintaucht, die einen schnell einlullt, aber im positiven Sinne. Zugleich empfindet man beim Lesen bald unterbewusst eine gewisse Spannung, denn man erkennt: Irgendetwas ist da noch, Geheimnisse oder eine Erkenntnis, die es aufzudecken gilt.

Jiro Taniguchi: „Vertraute Fremde“, 400 Seiten, Carlsen, 19,90 Euro.

Hinweis: Die Buchverlosung ist beendet, die Gewinner wurden benachrichtigt.

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