Manga : Liebe im Zeichen des Zen

Jirō Taniguchis Zweiteiler „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist ein Manga für Manga-Neulinge - auch wenn einige Aspekte auf westliche Leser irritierend wirken.

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Meister und Schülerin: Eine Szene aus Taniguchis „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“.
Meister und Schülerin: Eine Szene aus Taniguchis „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“.Foto: Carslen

In zwei Bänden ist Jirō Taniguchis Comic-Adaption „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ der gleichnamigen Romanvorlage von Hiromi Kawakami bei Carlsen erschienen - in der Graphic-Novel-Rubrik, nicht bei den Mangas. Tatsächlich passt diese Einordnung zum Charakter der Neuerscheinung: „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist ein Manga für Leser, die mit Mangas gemeinhin nicht so viel anfangen können.

Taniguchi, der sich schon in früheren Arbeiten zugunsten eines literarischen Stils von den genrespezifischen Themen gelöst hat, ist in diesem Fall ein guter Einstieg. Denn auch wenn die Optik, was Figuren, Blick und Timing betrifft, dem klassischen Manga-Look entspricht, ist die Liebesgeschichte, die hier erzählt wird, sehr ruhig, sehr wenig zielgerichtet, fast schon mit Zen-Anmutung.

Essen, trinken, wenig sprechen

Die Handlung hält sich dabei eng an die Vorlage: Tsukiko, eine Frau Ende 30, trifft eines Tages in ihrem Stammlokal ihren früheren Japanischlehrer wieder. Zwischen ihr und dem 30 Jahre älteren Mann entwickelt sich - sehr langsam - eine Beziehung, die über einen langen Zeitraum aus zufälligen Begegnungen besteht, bei denen viel und genussvoll gegessen und getrunken, hingegen wenig gesprochen wird.

Stimmung und Ton in den Unterhaltungen sind dann stets von höchst respektvoller Zurückgenommenheit; so gut wie nie wird es flirtig oder gar intim. Das lässt das Verhältnis der Figuren gar nicht zu: Ob der Sensei - wie Tsukiko ihren ehemaligen Lehrer durchgehend nennt - sie durch eine Kalligraphieausstellung führt oder ihr von seiner früheren Frau erzählt, ob sie zusammen essen oder angetrunken wegdämmern, er bleibt immer der Lehrer, der Ältere, der Weisere, zu dem Tsukiko aufschaut und dem sie ihre ganze Person auf fast kindliche Art anvertraut. Die beiden siezen sich in der deutschen Übersetzung bis hin zur einzigen Liebesszene gegen Ende der Geschichte.

Übersinnliches wird beiläufig integriert

Auf den vom westlichen Liebesideal einer Beziehung auf Augenhöhe geprägten Leser kann das irritierend wirken: Von beidseitiger Autonomie kann man hier wirklich nicht sprechen. Diese Liebesgeschichte ist ein Verhältnis zwischen Meister und Schülerin, zwischen dem kultivierten Gelehrten und dem von Grundbedürfnissen - Essen, Trinken, Schlafen, Geliebtwerden - getriebenen Kind. Bringt man dafür die Geduld auf, sind die Figuren aber schlüssig und nachvollziehbar - sowohl Tsukikos eigensinnige oder überforderte Kindlichkeit als auch die väterliche Würde und Autorität des Sensei.

Komplett: Die Covermotive der beiden Bände.
Komplett: Die Covermotive der beiden Bände.Foto: Carlsen

Wie auch bei anderen im deutschen Sprachraum bekannten japanischen Autoren wie Haruki Murakami oder Banana Yoshimoto wird auch hier Übersinnliches beiläufig integriert. Wer mit jenem Stil etwas anfangen kann und das gemächliche Erzähltempo nicht scheut, kann an diesem literarischen Manga durchaus Gefallen finden.

Hiromi Kawakami, Jiro Taniguchi: Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß, Carlsen, zwei Bände à 208 und 232 Seiten, 14,90 bzw. 16 Euro 

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