Manga : Wölfchen in der Krise

Kei Ishiyamas "Grimms Manga" vermengt deutsche Märchen und japanische Ästhetik zu einer erstaunlich guten Mischung.

Inga Steinmetz
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Räuber mit Kulleraugen. Szene aus "Rotkäppchen".Illustration: Ishiyama/Tokyopop

Für viele Manga-Leser begann ihre Faszination für die japanischen Comics mit der fremdländischen Optik der Figuren: Die oft betont einfachen aber effektvollen Gesichter, die ungewöhnlichen Mimiken und Grimassen der Figuren, die ungeübte Leser oft als maskenhaft empfinden. Aber auch die Extreme der Inhalte und Art der Darstellung, sei es durch schwindelerregende Perspektiven oder schnelle Bildfolgen, eröffnen vielen Lesern immer wieder neue Sichtweisen und lösen Begeisterung bei den Mangafans aus. Auch wenn sie eigentlich, kulturbedingt, nicht im ursprünglich angepeilten Leserkreis liegen.

Was würde nun passieren, zeichnete eine Japanerin unter deutscher Anleitung einen Manga über einige urdeutsche Märchen wie Rotkäppchen oder Schneewittchen? Die Antwort darauf liefert "Grimms Manga".

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Diese Kurzgeschichtensammlung von Kei Ishiyama entstand zusammen mit den Redakteuren des deutschen Verlags Tokyopop und funktioniert erstaunlich gut.

Denn obwohl diese deutsch-japanische Zusammenarbeit eindeutig alle typischen Merkmale der fernöstlichen Comics nutzt, nähert sich Ishiyama ihren Vorlagen mit viel Respekt. Zwar wurden die Geschichten in manchen Belangen verniedlicht, aber sie strahlen auch viel Wärme und Menschlichkeit aus und punkten deshalb glücklicherweise nicht nur in der Optik.

Die Zeichnerin hat charmanterweise auch vielen bekannten Figuren kleine Gastauftritte spendiert. So tauchen in der ersten Geschichte vom Rotkäppchen die sieben Geißlein auf, die dem Wölfchen hier nicht als Mahlzeit sondern moralische Unterstützung dienen, wenn er mit seiner gruseligen Erscheinung hadert.

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Aufmerksame Leser finden so in den Panels immer mal wieder kleine Verweise auf weitere Märchen, die leider keinen Platz mehr im Buch gefunden haben.

Natürlich leiden viele und besonders die weiblichen Figuren unter dem "Kulleraugensyndrom", das Neu-Leser oft abschreckt. Aber gerade in den Darstellungen der Tiere offenbart sich Ishiyamas großes Talent für ausdrucksstarke Figuren. Deshalb sollte auch der märchenfeste Leser mit dem kritischen Blick seine Vorurteile beiseite räumen und den Märchen "made in Japan" eine Chance geben.

Kei Ishiyama: "Grimms Manga", bislang zwei Bände mit je rd. 160 Seiten im Tokyopop-Verlag: Taschenbuch à 6,50 Euro, gebundene "Perfect Edition" à 14 Euro. Mehr dazu
unter diesem Link.

Unsere Gastautorin Inga Steinmetzlebt in Berlin und zeichnet unter anderem die Serie "Freche Mädchen - freche Manga!", deren dritter Band demnächst bei Tokyopop erscheint. Mehr über Inga Steinmetz findet man auf ihrer Website. Und Ingas andere Mangarezensionen für den Tagesspiegel finden sich unter diesem Link.

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