Mystery-Thriller-Comic : Die Kälte, die mich liebte

Unter dem Label „Vertigo Crime“ präsentiert das erwachsene DC-Imprint seit August 2009 abgeschlossene Comic-Thriller in Schwarzweiß und im A5-Format. Kürzlich ist „The Chill“ von Roman-Autor Jason Starr („Top Job“, „Crack“) als Softcover erschienen.

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Unterkühlt: Eine Seite aus dem Buch.
Unterkühlt: Eine Seite aus dem Buch.Foto: Vertigo

Wer chillt, entspannt. In Jason Starrs Comic-Thriller „The Chill“ ist niemand entspannt. Denn ein Mörder geht um im sommerlichen New York City und jagt den Menschen einen eiskalten Schauer – einen „chill“ – über den Rücken, wann immer sie an die fehlenden Leichenteile oder die in Eiben gesteckten, abgetrennten Männerköpfe denken.

Martin Cleary, ein abgehalfterter Ex-Cop aus Boston, weiß genau, was diese Symbole und Mysterien um den keltischen Baum des Todes bedeuten: Seine Jugendliebe Arlana und ihr knorriger Vater haben Irland verlassen und den Weg nach Amerika gefunden. Hier saugen sie nun für ihr ewiges Leben den lüsternen Herren der Schöpfung im Big Apple die Lebensenergie beim Höhepunkt des Liebesspiels ab. Ganz garstiger, eiskalter Coitus interruptus. Und dann sticht auch noch Arlanas Vater mit seinem magischen Druidenspeer zu, um die Götter zu füttern und das kaltblütige Ritual für die Nacht abzuschließen. Harter Tobak.

Natürlich glaubt Martin zunächst niemand - das FBI und das NYPD verdächtigen ihn viel mehr sogar als Täter, zumal es keine Zeugenbeschreibungen gibt, da Arlana jedem potenziellen Liebhaber wie seine persönliche Traumfrau erscheint (oder Traumknabe, wenn Starr die katholische Kirche grüßt und einen irischen Priester verführt werden lässt).

Mythologische Druidenspeere, keltische Sex-Rituale

Doch Martin braucht keine Unterstützung und gibt auch so alles, Daddy und Tochter nach all den Jahren das Handwerk zu legen. „But I warn you, if you continue, to hell I send you”, wie Eminem in seinem Song „Cold Wind Blows” so passend rappt. Auf dem Weg zum unvermeidlichen Showdown werden ein paar irische Familiengeheimnisse gelüftet, Geschäftsmänner und Cops verführt und verkühlt, und natürlich alte Rechnungen beglichen.

Ansehnlich: Die Zeichnungen stammen von Mick Bertilorenzi.
Ansehnlich: Die Zeichnungen stammen von Mick Bertilorenzi.Foto: Vertigo

Mythologische Druidenspeere? Keltische Sex-Rituale und eiskalte Opfer-Bräuche? Das muss man Jason Starr lassen: Einen dermaßen übernatürlichen Mystery-Thriller, der letztlich ja fast schon ein Dark- bzw. Contemporary-Fantasy-Setting besitzt, hätte niemand von ihm erwartet. Düster, hart, blutig, schnauzig, spröde - sicher. Aber übernatürlich? Nicht wirklich. Doch die düsteren, keltisch-mystischen Einschübe funktionieren ziemlich gut. Nur das Drumherum ist leider etwas zu geradlinig und blutarm, Starrs Spannungskurve in etwa so flach wie die Charaktere seines Szenarios.

Starr kann es eigentlich besser

Trotzdem ist „The Chill“ kein schlechter Comic – dafür ist schon allein das Artwork von Mick Bertilorenzi („Punisher“, „Daredevil“) viel zu ansehnlich und mindestens so sexy und erotisch wie das Cover von Lee Bermejo, der alle Titelbilder des Krimi-Labels von Vertigo ähnlich furios gestaltet. Starrs Graphic Novel ist unterm Strich auch gar kein so schlechter Krimi, ja nicht mal schlechte Fantasy – nur eben nicht das Maß der Dinge oder gar ein „echter Starr“. Starr kann das besser. Jedenfalls in Buchform. Wahrscheinlich ist das dann auch der Knackpunkt: Seine ersten Schritte auf dem Comic-Markt tat der 1966 geborene Autor aus Brooklyn erst 2010 mit Back-Up-Geschichten über den Pulp-Rächer The Avenger in DCs neuen „Doc Savage“-Comics sowie einer Story im „JSA 80 Page Giant 2010“ – im selben Jahr also, indem auch „The Chill“ in der Hardcover-Ausgabe erschien.

Bis Starr den Lobpreisungen von Kollegen wie Crime-Comic-Spezialist Ed Brubaker in diesem für ihn neuen Medium vollauf gerecht oder gar zur Konkurrenz für Bru und Co. wird, braucht es vermutlich noch ein, zwei Anläufe dieser Art. Was völlig legitim ist und uns nicht frösteln lassen sollte, denn das Warten könnte sich lohnen.

Davon abgesehen, bleibt die wirklich interessante Frage, die sich um „The Chill“ dreht, am Schluss so oder so unbeantwortet: Denn hat Starr die Idee nun von seinem irischen Autorenkollegen Ken Bruen bei ein, zwei Guinness eingepflanzt bekommen, mit dem zusammen er in den vergangenen Jahren eine Handvoll richtig guter und harter Romane (auf Deutsch bei Rotbuch und in jedem Fall äußerst lesenswert) geschrieben hat, oder nicht? Wir werden es wohl nie erfahren.

Jason Starr & Mick Bertilorenzi: The Chill, Vertigo Crime, 188 Seiten, Hardcover 15,99, Softcover 9,99. Zur Website von Jason Starr geht es hier.

Mehr von unserem Autor Christian Endres findet sich auf seinem Blog: www.christianendres.de. 

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