Mythos-Adaption : Antike Lüstlinge

Am Mythos gescheitert: In „Tiresias“ verarbeiten Serge Le Tendre und Christian Rossi einen klassischen Stoff - und schaffen dabei pseudoerotischen Kitsch.

Thomas Hummitzsch
Die Götter vergessen nie: Eine Szene aus dem besprochenen Band.
Die Götter vergessen nie: Eine Szene aus dem besprochenen Band.Foto: Schreiber & Leser

Der Legende nach gab es kaum eine Frage, der die griechischen Götter auf dem Olymp nicht mit Eifer und allzu menschlicher Freude am realen Experiment nicht nachgingen. Eine dieser weltbewegenden Fragen ist die nach dem Lustprinzip. Empfindet der Mann oder doch eher die Frau beim Liebesakt die größere Lust? Selbst Göttervater Zeus geriet der Legende nach über diese Frage mit seiner geliebten Hera in Streit. Während Zeus, von seiner Manneskraft überzeugt, davon ausgegangen sein soll, dass er Hera beim Liebesakt mehr Verzückungen bereitet als sie ihm, soll seine Gattin ganz anderer Meinung gewesen sein. Der Zwist soll schnell öffentlich geworden sein und die göttlichen Philosophen auf dem Olymp beschäftigt haben.

Die Frage nach dem Lustempfinden ist der Ausgangspunkt für den Comic „Tiresias“, in dessen Mittelpunkt der gleichnamige junge Krieger steht. Dieser sieht jedoch keinen Bedarf an einer geistig-philosophischen Klärung der Frage. Da er bei Männern und Frauen in gleichem Maße hoch im Kurs steht, meint er, die Frage ganz praktisch klären zu können – im Selbstversuch mit einer ihm unbekannten Frau. Dabei unterläuft ihm jedoch ein Fehler. Er vergeht sich an einer Priesterin aus dem Tempel der Athene. Die Göttin der Weisheit und des Kampfes selbst rächt dieses Verbrechen und zwingt den Krieger in den Körper einer wunderschönen Frau.

Zur Strafe in eine Frau verwandelt

Hinter dieser Geschichte steckt der griechische Mythos des blinden Propheten Teiresias. Dieser soll als Priester des Zeus zwei Schlangen beim Liebesakt gestört und die weibliche Schlange getötet haben. Zur Strafe soll er in eine Frau verwandelt worden sein. Sieben Jahre später soll er als Frau erneut ein Schlangenpaar bei der Vereinigung unterbrochen haben, indem er die männliche Schlange tötete, woraufhin er wieder in einen Mann verwandelt worden sei soll.

Zur Strafe eine Frau: Eine Szene aus dem Buch.
Zur Strafe eine Frau: Eine Szene aus dem Buch.Foto: Schreiber & Leser

Diesen Mythos, der sowohl in Dantes „Die göttliche Komödie“ als auch in John Miltons „Paradise Lost“ Einzug erhielt, hat das französische Comicduo Christian Rossi (Zeichner) und Serge Le Tendre (Autor) zu einem fast 100 Seiten umfassenden Comic verarbeitet. In gedämmten, warmen Farben zeichnen sie, ganz der frankobelgischen Tradition verpflichtet – den Lebens- und Leidensweg des Tiresias nach. Rossi und Le Tendre deuten den inneren Konflikt des Tiresias an, der sich in Frauengestalt niemandem anvertrauen kann, weil er dann vollends sein Gesicht verlieren würde. Der Krieger, der einst ruhmreiche Schlachten geschlagen und sich am Tisch der Begehrlichkeiten stets frei bedienen konnte, ist nun zum Zuschauen am Weltenkampf verurteilt und wird selbst zum Objekt der antiken Lüstlinge. Nach anfänglichem Kampf gibt sich Tiresias seinem Schicksal hin und baut sich unter dem Namen seiner verstorbenen Schwester Thya eine neue Existenz abseits des Olymps auf. Die die Erzählung eröffnende Frage nach der Lust gerät in den Hintergrund, Harmonie zeichnet sich am peleponnesischen Horizont ab. Doch wer meint, die Götter würden vergessen, der hat die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Und so wird Tiresias, der nach Jahren mit seinem Schicksal seinen Frieden gemacht hat, am Ende von seiner Geschichte erbarmungslos eingeholt.

Pseudoerotischer Kitsch trifft bildungsbürgerlichen Anspruch

Diese Tiresias-Geschichte, wie sie uns Le Tendre und Rossi präsentieren, hat mit der mythologischen Vorlage des Teiresias nur noch wenig zu tun. Natürlich ist der Text voller Anspielungen auf die griechische Götterwelt und Mythologie (auch das Schlangenpaar aus der Teiresias-Erzählung taucht hier auf). Und pennälerhaft haben die Autoren auch zahlreiche Zitate – etwa aus Homers „Odyssee“ – in dem Text versteckt. Aber griechische Mythologie im Sinne humanistischer Grundlagenbildung wird hier nicht vermittelt. Dabei wäre es durchaus verlockend, wenn beispielsweise die „Odyssee“ der „Peloponnesische Krieg“ – zwei Werke, die heute kaum noch ein Schüler kennt, geschweige denn gelesen hat – als Comic wieder mehr Leser fände. Dies ist jedoch nicht das Anliegen der beiden Zeichner. Es scheint ihnen im Gegenteil vielmehr darum zu gehen, in einer Mischung aus pseudoerotischem Kitsch und bildungsbürgerlichem Anspruch ein Publikum zu bedienen, welches die Lektüre von Comics als intellektuellen Gestus missversteht.

Neues Leben: Eine weitere Szene aus dem Band.
Neues Leben: Eine weitere Szene aus dem Band.Foto: Schreiber & Leser

Gute Comics sind mehr als die Kombination aus Text und Bild. Sie haben Rhythmus und Dynamik, treiben die Erzählung im Stakkato ihrer Bildfenster und derer Formate voran oder verzögern sie. Text und Bild spielen miteinander, ergänzen sich wechselseitig oder heben antizipierte Wirkungen gegenseitig auf. Perspektiven, Farbgebung und Szenerien variieren je nach erzählerischem Zweck. Von diesen comicalen Mitteln machen Serge Le Tendre und Christian Rossi, die an sich eine Menge von ihrem Fach verstehen, jedoch zu wenig Gebrauch. Viel zu selten unterbrechen gewitzte Text-Bild-Kombinationen oder narrative Seiten die ansonsten langatmige Erzählung, die nur am Ende durch die Dramaturgie der Ereignisse etwas Fahrt aufnimmt.

Nach der Lektüre von „Tiresias“ muss man feststellen, dass es weitaus wichtigere Anekdoten aus der griechischen Götterwelt gibt, die eine Verwertung im Comic rechtfertigen würden, als diese mittelmäßige Verarbeitung des Teiresias-Stoffes. Wie die Comicadaption eines antiken Stoffes gelingen kann, haben etwa Frank Miller und Lynn Varley mit „300“ bewiesen.

Mann, Frau? Die Hauptfigur auf dem Buchcover.
Mann, Frau? Die Hauptfigur auf dem Buchcover.Foto: Schreiber & Leser

Und auch die Identitätskrise des Tiresias angesichts der Geschlechtsumwandlung ist wenig glaubhaft und weit von der Kunst eines Almodovar entfernt, der gerade diesen inneren Konflikt in seinem aktuellen Film „Die Haut, in der ich wohne“ beeindruckend in Bilder gebracht hat. Von solchen Qualitäten jedoch ist „Tiresias“ leider weit entfernt – künstlerisch, szenografisch und dramaturgisch.

Serge Le Tendre & Christian Rossi: Tiresias. Aus dem Französischen von Resel Rebiersch. Schreiber & Leser, 112 Seiten, 27,80 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben