Online-Comic : Der Gag im Cursor-Text

Der Webcomic „xkcd“ besteht eigentlich nur aus Strichmännchen. Dennoch lesen ihn täglich Millionen von Menschen, für die sein Schöpfer Randall Monroe längst ein Botschafter der Nerd-Kultur geworden ist.

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Virtuelle wird echte Realität: Diese Episode ist die Quelle der „Rule 34“, die unter Fans zur stehenden Redewendung wurde.
Virtuelle wird echte Realität: Diese Episode ist die Quelle der „Rule 34“, die unter Fans zur stehenden Redewendung wurde.Foto: xkcd

Angefangen hat xkcd wie viele andere Webcomics auch: Kleine Kritzeleien in Schul-Heften. Es waren nicht mal besonders elaborierte Zeichnungen, sondern simple Strichmännchen, die der Programmierer, Physiker und ehemalige NASA-Mitarbeiter und Randall Munroe zum Transport seiner Pointen, Alltagsbeobachtungen und philosophischen Gedanken verwendete. Themen: Das Leben an sich, die Schreibweise von „Wikipedia“, die Angst vor von Velociraptor-Attacken oder die Gefahr, beim Sex die Musik-Bibliothek auf „Zufallswiedergabe“ zu schalten.

Als der heute 27-Jährige im Jahr 2005 begann, seine eingescannten Skizzen als Webcomic zu veröffentlichen, ahnte er wohl selber nicht, dass sie ihn zu einem der wenigen Webcomic-Zeichner machen würden, der von seinen dreimal die Woche erscheinenden Strichmännchen-Strips leben konnte.

Grund dafür ist eine weltweite Armee von Nerds, die in Munroe einen Seelenverwandten gefunden haben, der ihr Lebensgefühl in ebenso treffenden wie insiderischen Punchlines auf den Punkt bringt. Dadurch hat xkcd etwas geschafft, wovon jedes virtuelle Projekt insgeheim träumt: Das, was im Web passiert, hat sichtbare Auswirkungen auf die analoge Welt.

„Kannst du es dir vorstellen, gibt es einen Porno davon.“

Ein Beispiel dafür ist die längst zum Mem avancierte „Rule 34“. Zurück geht sie auf Strip Nr. 305, in denen sich zwei Figuren darüber unterhalten, dass es im Internet keine Videos von nackten Frauen gibt, die unter der Dusche E-Gitarre spielen. Eine Figur entgegnet darauf: „Regel 34: Wenn du es dir vorstellen kannst, gibt es im Internet einen Porno davon.“

Munroe sicherte sich vorsorglich die Domain WetRiffs.com, auf der in Folge tatsächlich zahlreiche Fans Bilder posteten, auf der sie unter der Dusche Gitarre spielten.

Der Schöpfer: Randall Monroe.
Der Schöpfer: Randall Monroe.Foto: Wikipedia

Derartiges Feedback von Munroes treuer Anhängerbasis sind typisch für xkcd. Immer wieder setzen Fans fiktive Vorgänge aus dem Webcomic - auch ohne Munroes Zutun - in die Realität um, etwa als Linux-Aktivist Richard Stallman 2007 ein Katana zugesandt und bei einem Vortrag von als Ninjas verkleideten Studenten umzingelt wurde. Die Inspiration dazu lieferte der xkcd-Strip Nr. 225 „ Open Source“.

Munroe selbst bezeichnet xkcd als „Webcomic über Romantik, Sarkasmus, Mathematik und Sprache“. Tatsächlich sind zahlreiche Witze und Anspielungen oft nur zu verstehen, wenn der Leser Mathematik oder Linguistik studiert hat. Die Bezeichnung „xkcd“ hat allerdings – untypisch für Akronym-liebende Nerds – keine spezielle Bedeutung. Der Name ist damit vermutlich der einzige Bereich von xkcd, in dem sich kein Insider-Witz verbirgt, währenddessen bei den Comics selbst sogar zusätzliche Gags in den Tooltips zu lesen sind, die erscheinen, wenn man den Maus-Cursor über den entsprechenden Strip hält.

Assoziationen an „Peanuts“ und „Calvin & Hobbes“

Der Humor und die sanften philosophischen Beobachtungen von xkcd erinnern nicht von ungefähr an Charles Schulz „Peanuts“ und Bill Wattersons „Calvin & Hobbes“: Randall Munroe, der seit frühester Jugend Zeitungs-Comics verschlungen hat, ist erklärter Fan der beiden Strips. Anders als die klassischen Comic-Serien nutzt Monroe xkcd gelegentlich als eine Art öffentliches Tagebuch, in dem er auch ernste Themen verarbeitet, etwa Depressionen oder Krebs.

Es ist ohnehin nicht nur der Humor, der xkcd zum Kult hat werden lassen. Entscheidend ist die Haltung des Webcomics, die Widrigkeiten der Normalität durch die Nerdbrille zu bewältigen: In Strip Nr. 393 „Ultimate Game“ beispielsweise gelingt es Gevatter Tod nicht, die Pen-and-Paper-Rollenspiel-Ikone Gary Gygax ins Jenseits zu überführen, weil ihm dieser als letzten Wunsch eine Partie Dungeons & Dragons aus den Rippen geleiert hat. Gygax war kurz zuvor verstorben.

Das letzte Spiel: Der Strip Nr. 393.
Das letzte Spiel: Der Strip Nr. 393.Foto: xkcd

Ein häufiges Motiv vieler Strips ist die Bewahrung von Kindlichkeit und die Rechtfertigung, auch als Erwachsener spielen, Baumhäuser bauen und in Ballbecken springen zu wollen. So etwa in dem Strip Nr. 219 „Blanket Fort“, in dem eine 24-Jährige stolz ihrer Freundin ein Fort aus Laken und Stühlen zeigt, dass sie gebaut hat. „Hast du Angst vor Veränderungen?“ fragt ihre Freundin zweifelnd. „Nein“, so die Antwort, „ich bin glücklich, erwachsen zu sein. Aber ich werde nicht so tun, als ob Dinge, die Spaß machen, nicht weiterhin Spaß machen; auf die Gefahr hin, dass es albern wirkt.“ Und schließlich sei sie trotzdem erwachsen geworden: Im Fort befindet sich ihr nackter Freund.

Es sind (Selbst)Beobachtungen und Statements wie diese, die vielen Lesern xkcd so sympathisch macht. Gelesen wird der Webcomic, dessen tausendster Strip Anfang 2012 erschien, heute von über 90 Millionen Personen pro Monat, es gibt Übersetzungen in Französisch, Russisch, Spanisch, Deutsch, Finnisch, Tschechisch und Portugiesisch. Mit dieser Fan-Basis im Rücken konnte Munroe es sich 2006 leisten, xkcd zu seiner Hauptbeschäftigung zu machen und mit dem Verkauf von Postern, T-Shirts und anderem xkcd-Merchandise seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Und er konnte sogar expandieren: Mittlerweile hat Munroe einen Angestellten, der sich um die Mails kümmert.  

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