„Piano Oriental“ von Zeina Abirached : Zwischentöne in Schwarz-Weiß

Zeina Abiracheds neuer Comic „Piano Oriental“ erzählt vom Grenzgang zwischen Kulturen - und ein weiteres Mal auch von der Familiengeschichte der Autorin.

von
Bilder voller Fantasie und Witz: Eine Seite aus dem besprochenen Band.
Bilder voller Fantasie und Witz: Eine Seite aus dem besprochenen Band.Foto: Avant

Jede Taste eines herkömmlichen Klaviers erklingt einen halben Ton höher oder tiefer als die Tasten daneben. Damit lässt sich gut Mozart oder Bach spielen, aber keine orientalische Musik. Die lebt von den Tönen dazwischen. Das wurmt den Beiruter Klavierbauer Abdallah. Mit großem Eifer werkelt er an seinem Klavier herum, damit es auch Vierteltöne spielen kann. Als es gelingt, reist er euphorisch nach Europa, um das „Piano Oriental“ zu vermarkten. Jahrzehnte später unternimmt seine Urenkelin eine ähnliche Reise: Zeina Abirached zieht von Beirut nach Paris, wo sie bis heute lebt und zeichnet.

Wie schon in ihren ersten beiden längeren Comic-Erzählungen „Das Spiel der Schwalben“ und „Ich erinnere mich“ berichtet Abirached also auch in ihrem neuesten Band von ihrer eigenen Biografie und der ihrer Familie. Denn „Piano Oriental“ erzählt beide Geschichten, ihre und die ihres Urgroßvaters, parallel. Viele Figuren aus den Vorgängerbänden tauchen zwar wieder auf. Doch während die ersten Bücher vor allem von Abiracheds Erlebnissen während des libanesischen Bürgerkriegs erzählten, ist das Thema nun weiter gefasst: „Piano Oriental“ handelt vom Leben zwischen und mit mehreren Kulturen, namentlich der europäischen und der arabischen.

Wo Orient und Okzident sich treffen

Aber dieses komplexe Thema kommt sanft daher, verkörpert von Abdallahs Klavier, das die Zwischentöne beherrscht und beide Stile in sich trägt. Es ist die Chiffre für sie selbst, eine frankofone Libanesin, die lange mit Französisch wie mit Arabisch kämpft, bis sie wie viele Libanesen beide Sprachen zu einer neuen, ihrer eigenen, zusammenführt.

Das Klavier ist auch ein Bild für ihren Urgroßvater, der gerne in Warenhäuser geht und die Importgüter aus dem Westen bestaunt, aber sich ärgert, dass er nicht um den Preis feilschen kann. Und es steht für die einmal mehr liebevoll porträtierte Stadt Beirut, vor dem Bürgerkrieg das sprichwörtliche „Paris des Nahen Ostens“, in dem Orient und Okzident ein Konzert der Zwischentöne bildeten.

Familiengeschichte: Das Cover des besprochenen Buches.
Familiengeschichte: Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Avant

Die Zeichnungen selbst kommen dabei erneut ohne jede Schattierung aus: Schwarz und Weiß, mehr Farben gibt es bei Abirached auch im dritten Band nicht. Doch es macht Spaß, sich in den Bildern voller Fantasie und Witz zu verlieren. Schon allein ihretwegen ist „Piano Oriental“ ein Buch, das man mehrmals lesen sollte – und auch, um die vielen Nebenfiguren und Seitenstränge zu würdigen, die sich mal über libanesische, mal über französische Eigenheiten lustig machen. So wird „Piano Oriental“ zur Collage, ein Zwischenton aus Arabischer und Europäischer Welt, aus beiden Kulturen beeinflusst und für beide gemacht – wie das Klavier von Abdallah.

Zeina Abirached : Piano Oriental, Avant Verlag, 212 Seiten, 29,95 Euro

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben