Pop-Up-Comics : Tauchfahrt in die dritte Dimension

Endlich gibt es Sam Itas Pop-Up-Comicversion von „Moby Dick“ auch auf Deutsch – als Vorreiter eines Trends, der in den USA schon weite Kreise zieht.

Lars von Törne[Frankfurt (Main)]
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Böse Vorahnung. Die Gottesdienstszene vor der Waljagd lässt nichts Gutes ahnen.Illustration: Promo

Eine der Stärken des Comics gegenüber der nicht-illustrierten Literatur ist, dass er den Leser durch die geschickte Verknüpfung von Wort und Bild in fantastische Dimensionen zu entführen vermag, die sich allein mit Worten nur schwer beschreiben lassen.

Dass dieser Zugang zu anderen Dimensionen mitunter ganz wörtlich zu verstehen ist, zeigt ein Trend, der aus den USA jetzt langsam auch bei uns ankommt und dieser Tage auch auf der Frankfurter Buchmesse zu entdecken ist: Der dreidimensionale Comic. Einer der schönsten und besonders liebevoll gemachten Vertreter dieses Subgenres - zu dem im weitesten Sinne auch eine jüngst auf Deutsch veröffentlichte 3-D-Fassung des Klassikers "Der kleine Prinz" gehört - ist jetzt auf Deutsch bei Knesebeck erschienen: „Moby Dick“ als Comic-Pop-Up-Buch.

Wie bei vergleichbaren 3-D-Umsetzungen von Comic- oder Literaturstoffen – in den USA sind bereits diverse Genreklassiker von Spider-Man bis zu Will Eisners Spirit, von Star Wars bis zu X-Men als Pop-Up-Comic umgesetzt worden – ist auch die aufklappbare Neuinterpretation von „Moby Dick“ eine Mischung aus Comic, Bilderbuch und Spielzeug.

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Auf Leben und Tod. Detail einer Walfangszene.Foto: lvt

Eine Kombination, die nicht nur Kinder ansprechen wird, welche der Verlag als primäre Zielgruppe im Auge hat. Auch Erwachsenen mit Lust an visuell umgesetzten Geschichten dürfte dieses opulent gestaltete Buch große Freude bereiten.

Die besten Comics sind ja ohnehin meist Grenzüberschreiter. Sie bewegen sich mühelos zwischen Kunst und Literatur, sie haben jungen und alten Lesern etwas zu erzählen. Und manchmal schaffen sie es, dass auch die älteren Leser sich bei der Lektüre auf magische Weise in fantastische Welten entführt und verjüngt fühlen – das ist auch bei dem von dem New Yorker Grafikdesigner Sam Ita umgesetzten „Moby Dick“ der Fall.

Natürlich kann ein aus gerade mal sechs ausfaltbaren Panorama-Szenen samt eingestreuten Comic-Panels bestehendes Büchlein nicht einem Klassiker wie Hermann Melvilles Roman über die schicksalhafte Fahrt des Walfangschiffes „Pequod“ in vollem Umfang gerecht werden. Aber Ita setzt klug gewählte Effekte ein und hat Schlüsselszenen so visualisiert, dass man zumindest ein Gefühl für die Stimmung des Originals bekommt:

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Blind vor Hass. Kapitän Ahab als 3-D-Figur.

 Für die blinde Besessenheit, mit der der vom Walfang versehrte Kapitän Ahab dem weißen Riesen nachjagt – und für die furchterregenden Momente, die er seiner Besatzung während seines Rachfeldzugs zumutet.

Schon der Auftakt ist grandios: Auf der ersten Seite entfaltet sich vor dem Auge des Ich-Erzählers Ismael – und damit vor dem Leser – ein stolzer Dreimaster, bis ins letzte Detail aus Pappe nachgebaut. So prunkt inmitten jeder Doppelseite ein neues Panorama voller liebevoller Einzelheiten, in die sich der Betrachter versenken kann – der letzte Kirchenbesuch vor der Jagd, Kapitän Ahabs erster Auftritt an Bord, und dann vor allem drei Schlüsselszenen der verhängnisvollen Jagd nach dem Wal.

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Rechts und links davon werden wichtige Episoden als Comic nacherzählt, aus denen wiederum einzelne Details als zusätzliche 3-D-Installation herausragen: Ich-Erzähler Ismael, wie er sich vor Furcht die Decke über den Kopf zieht, als er das erste Mal seinen späteren Blutsbruder Queequeg und dessen furchterregende Tätowierungen sieht. Die Versuche von Ahabs Gegenspieler, dem Obermaat Starbuck, den Kapitän von seinem Himmelfahrtskommando abzubringen – und am Schluss der misslungenen Jagd der mörderische Strudel, der das Schiff mit Mann und Maus verschlingt, und aus dem am Ende nur noch eine Walflosse hinausragt.

Wer auf den Geschmack gekommen ist, kann danach gleich noch einmal in die 3-D-Comicwelt abtauchen: Autor Sam Ita hat nach dem Erfolg von „Moby Dick“ kürzlich auch Jules Vernes „20.000 Meilen unter dem Meer“ als Pop-Up-Comic umgesetzt. Das gibt es noch nicht auf Deutsch, zum Original geht es unter diesem Link.

Sam Ita: Moby Dick. Ein Pop-Up-Buch, 24,95 Euro, Knesebeck-Verlag. Mehr auf der Website des Verlages.

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