Sammelband : Loblieder auf die Liebe

Den israelischen Alltag im Blick: Die Künstlergruppe Actus, zu der auch die international bekannte Zeichnerin Rutu Modan („Blutspuren“) gehört, setzt auf anspruchsvolle Comics. Ihr neu aufgelegter Sammelband „How to Love“ zeigt sie auf der Höhe ihrer Kunst.

Christopher Bünte
Auf der Suche nach Erfolg und sich selbst: Eine Szene aus Rutu Modans „Your Number One Fan“.
Auf der Suche nach Erfolg und sich selbst: Eine Szene aus Rutu Modans „Your Number One Fan“.Foto: Promo

Der Titel macht keinen Hehl daraus: Hier geht es um einen facettenreichen Blick auf die Liebe. „How to Love“ ist eine inhaltlich und formal abwechslungsreiche, anspruchsvolle Comic-Anthologie, die allerdings bisher nur in englischer Sprache vorliegt. Versammelt sind Momente, die nur selten den Weg in die Abendnachrichten finden. Ein vielschichtiger, unaufgeregter und konzentrierter Blick auf Israels Alltagswelt. Der Krieg kommt nur am Rande vor. Die Anthologie erschien erstmals 2007 und enthält insgesamt sechs Kurzgeschichten. Jetzt wurde das Buch neu aufgelegt. Und in Basel würdigt eine Ausstellung das Werk der Gruppe.

Es beginnt mit einem heimlichen Blick aus dem Fenster. Einfühlsam erzählt Batia Kolton in „Summer Story“ von einem Mädchen, das ihre Nachbarin beim Küssen mit einem Jungen beobachtet. Die Zeichnerin inszeniert hier schüchternes Sehnen nach dem ersten Kuss und nach der ersten Liebe, ohne allzu direkt darauf hinzuweisen.

Expliziter geht es danach bei David Polonsky zu. Er hat die Geschichten des Barons von Münchhausen nach kuriosen Lügen über die Liebe durchsucht: „L’elixir d’amour“ besteht auf der linken Seite aus Text und auf der rechten aus ganzseitigen Vignetten. Beim Lesen entsteht der Eindruck, man blättere durch ein klassisches Bilderbuch.

Der Krieg taucht nur am Rande auf 

Kein Bilderbuch, sondern eindeutig ein Comic ist „Independence Day“ von Mira Friedmann. Die Geschichte über ein Mädchen, das einem Jungen ihre Liebe beweisen möchte, ist die einzige im ganzen Band, die den Krieg als Handlungselement aufgreift.

Erste Liebe. Eine Szene aus Batia Koltons „Summer Story“.
Erste Liebe. Eine Szene aus Batia Koltons „Summer Story“.Foto: Promo

Itzik Rennert hingegen vollzieht in „Love Love Love“ auch die strikte Trennung von Text und Bild. An ein Bilderbuch erinnert das Ganze jedoch nicht. Zwei Drittel jeder Seite nimmt eine Mischung aus Collage und Zeichnung in Anspruch. Das letzte Drittel ist Text. Inhaltlich geht es um schmerzliche Vaterliebe, um Anziehung und Abstoßung.

Als nächstes zeigt Rutu Modan in „Your Number One Fan“ einen israelischen Musiker auf der Suche nach Erfolg und nach sich selbst. Ihr flächiger Stil und ihre geschlossenen Formen stehen der Ligne Claire nah.

Und in „8:00 to 10:00“ benutzt Yirmi Pinkus keine Worte, um die ersten Morgenstunden eines Mannes nach dem Aufstehen zu beschreiben. Ein Loblied auf Liebe im Alltag: leicht, zärtlich und sinnstiftend.

Der Art Director von „Waltz with Bashir“ ist auch dabei

Viele Comic-Anthologien stoßen auf die Schwierigkeit, dass die versammelten Beiträge entweder qualitativ nicht homogen oder thematisch nicht gut aufeinander abgestimmt sind. „How to Love“ hingegen führt vor, wie eine Sammlung von Comic-Episoden aussehen kann: Sowohl zeichnerisch als auch erzählerisch auf höchstem Niveau, einander ergänzend, nicht behindernd, insgesamt außerordentlich kohärent. Obwohl das nur ein Label ist, begreift man nach der Lektüre von „How to Love“, warum Actus in der internationalen Comic-Szene immer wieder als Avantgarde bezeichnet wird.

Anziehend: Das Covermotiv des Sammelbandes.
Anziehend: Das Covermotiv des Sammelbandes.Foto: Promo

In Deutschland sind die Actus-Künstler längst keine Unbekannten mehr. Rutu Modans vielgelobte Graphic Novel „Blutspuren“ zum Beispiel liegt seit einigen Jahren bei Edition Moderne vor. Auch in dem Projekt-Band „Cargo“, einer Sammlung von Comic-Reportagen, ist Rutu Modan zu finden, ebenso wie Yirmi Pinkus. Der international bekannteste Künstler aus „How to Love“ ist vielleicht David Polonsky. Er hat als Art Director den Animationsfilm „Waltz with Bashir“ gestaltet. Allerdings ist er kein festes Mitglied von Actus. Die Gruppe hat den israelischen Zeichner zu dem Projekt eingeladen. Auch deutsche Zeichner wie Anke Feuchtenberger und Henning Wagenbreth haben bereits mit Mitgliedern von Actus zusammengearbeitet - mehr dazu hier.

Wer sich für israelische Comic-Kunst im Allgemeinen oder für Actus und David Polonsky im Besonderen interessiert, hat mit der Anthologie „How to Love“ nun wieder die Möglichkeit, sich diesen Künstlern anzunähern. Ergänzend stellt das Cartoonmuseum Basel in seiner aktuellen Ausstellung einige Arbeiten der Gruppe aus. Zu sehen sind dort großformatige Reproduktionen aus dem Buch sowie Originalseiten aus verschiedenen Projekten. Die Ausstellung läuft noch bis zum 26. Februar 2012.

Alles echt: Die Ausstellung im Cartoonmuseum Basel.
Alles echt: Die Ausstellung im Cartoonmuseum Basel.Foto: Promo

Batia Kolton, David Polonsky, Mira Friedman, Itzik Rennert, Rutu Modan, Yirmi Pinkus: How to love: Graphic Novellas by Actus Comics, Christoph Merian Verlag, Basel 2011, Hardcover, Farbe, 144 Seiten, 25 Euro

Ausstellung: Actus Group, Rutu Modan, Yirmi Pinkus, David Polonsky, Ari Folman - How to Love, bis 26. Februar 2012, Cartoonmuseum Basel, Dienstag bis Freitag 14-18 Uhr, Samstag bis Sonntag 11-18 Uhr. An jedem Samstag, 11 Uhr, wird der Animationsfilm „Waltz with Bashir“ in voller Länge im Cartoonmuseum Basel gezeigt.

Dieser Artikel ist eine aktualisierte und umgeschriebene Fassung eines Textes, der zuerst auf Fudder erschien. Wir danken für die freundliche Genehmigung zur Veröffentlichung.

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