„Schläfer im Sand“ : Über alle Grenzen hinweg

Mit „Schläfer im Sand“ hat das Autoren-Duo Andreas Hedrich und Sebastian Pampuch einen Comic gestaltet, der sich gängigen Kategorisierungen entzieht.

Marie Schröer
„I come to your country from a faraway land“ - eine Ausschnitt aus dem besprochenen Buch.
„I come to your country from a faraway land“ - eine Ausschnitt aus dem besprochenen Buch.Foto: Mückenschwein

Menschenleerer Strand vor hässlichen Hotelburgen, ein paar kreisende Möwen über dem Meer. Weiß auf schwarzem Hintergrund untermalt ein lyrisch-kryptischer Prolog die Szenerie: „Beizeiten begleitet eine seltsame Stille die Brandung der sich unaufhörlich an Land verlierenden Fluten. Selbst die sonst so eifrig drauflos kreischenden Möwen gleiten lautlos darüber hinweg, als ginge sie das alles gar nichts an. Der nächste Fisch, und sei es auch nur ein toter und angespülter, wird schon kommen, mögen sie dabei denken.“ Düster in Grafik und Text, so präsentiert sich die erste Seite des Comics „Schläfer im Sand“.

Auf den nächsten Seiten geht es heiterer zu. Strand, Palmen und Ziegen sind mittels senfgelber Kolorierung in ein warmes Licht getaucht. Vor dieser idyllischen Kulisse treffen sich zwei Männer zur morgendlichen Arbeit. Güero und Carlos sind ein eingespieltes Team: Der eine, ein nicht mehr ganz junger Klischee-Aussteiger mit Guevara-Shirt und einem Faible für Naturreligionen, der andere, ein älterer Mexikaner mit Schnauzbart und Schirmmütze.

„Mal endet's mit 'nem feinen Spielzug, mal mit der Blutgrätsche“

Beide sind aus unbekannten Gründen in Andalusien gestrandet und Strandreiniger geworden. Auf ihrer täglichen Tour im Pickup-Truck werfen sie sich die Bälle zu, parlieren über Fußball und Frauen. Harmlos-chauvinistischer Kumpel-Smalltalk, wären da nicht die Abschweifungen ins Politische: „Sieh mal, mit dem Leben ist's wie im Fußball. Mal endet's mit 'nem feinen Spielzug, mal mit der Blutgrätsche. Zu Ende spielen musst du, egal wie's aussieht. Der Tod meint es gut mit uns“, philosophiert Carlos und übersetzt sodann Wut in klare Worte: „Die verdammten Gringos ficken unser Land, machen uns zu ihren drogendealenden Huren, und wenn wir die Schnauze voll haben, knallen wir uns mit ihren Knarren ab.“

Tragödie im Gewand einer Abenteuergeschichte: Eine Seite aus „Schläfer im Sand“.
Tragödie im Gewand einer Abenteuergeschichte: Eine Seite aus „Schläfer im Sand“.Foto: Mückenschwein

Normalerweise entsorgt das Duo den Abfall der All-Inclusive-Touristen, inklusive der angespülten Fische aus dem Prolog. An diesem Morgen aber finden sie – unter gierigen Möwen versteckt – eine männliche Leiche. Jung, schwarz, gekleidet mit einem Fußballtrikot. Um letzteres zu erkennen, muss man schon genauer hinsehen. Genau das ist eine Stärke von „Schläfer im Sand“ Ohne zu didaktisieren zeigen die Autoren subtil Zusammenhänge auf: Was des einen seichte Unterhaltung, ist des anderen Leichenhemd.

Polit-Comic und surreale Reise-und Abenteuergeschichte

Der Szenarist Sebastian Pampuch hatte genau dieses Bild vor Augen, nachdem er ein Auslandssemester in Granada verbracht hatte. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel erläutert er: „In Spanien faszinierte mich die Vorstellung, dass heutzutage auch mal Leichen ertrunkener Migranten angespült werden und die Touris irritieren. Als Wessi-Kind war ich bis zum elften Lebensjahr jedes Jahr im Sommer an Europas größtem Campingplatz in Italien an der Adria, sah dort maghrebinische Händler mit Eselswagen voller Früchte den Strand lang promenieren oder eben, eine Klasse drunter, schwarze Textilien- und Schmuck-Händler, die statt Kutsche nur ihren Körper beladen konnten.“

Das Buch ist Pampuch zufolge ein „engagierter Polit-Comic“, der sich aber verschiedener Genre-Traditionen bedient, es handele sich ebenso um eine „surreale Reise-und Abenteuergeschichte“ oder auch „Groteske“.

Fortsetzung geplant: Das Cover des besprochenen Buches.
Fortsetzung geplant: Das Cover des besprochenen Buches.Foto: Mückenschwein


In der Tat nimmt der Comic schon bald nach dem Leichenfund eine psychedelisch anmutende Wendung. Immer wieder gibt es – wie im Prolog – rätselhafte Einsprengsel aus dem Off. Unter Drogeneinfluss und zum Soundtrack von Terry Calliers „Lazarus Man“ beschließt Güero, die Leiche auf dem Seeweg zurück in die Heimat zu bringen. „I come to your country from a faraway land“, so heißt es in den Lyrics.

Die Wieder-Auferstehung des biblischen Lazarus wird zum Subtext des zweiten Comic-Teils. Nachdem Güero in See sticht gibt es einen Cut; der Tote kehrt zurück. In neuem Setting und neuen Farben erzählt eine Rückblende vom Überlebenskampf des jungen Senegalesen Thenga vor dem gescheiterten Fluchtversuch. In Dakar arbeitet er auf dem Fischmarkt, kämpft als Ringer und schnitzt Masken, die als exotische Souvenirs von einem ranghöheren Händler nach Europa verkauft werden. Eine glorreiche Zukunft ist nicht in Aussicht. Er spielt mit dem Gedanken, das Land zu verlassen und sein Glück anderswo zu suchen. Als seine Freundin auf die Avancen eben jenes Souvenir-Händlers eingeht, setzt er seinen Entschluss in die Tat um: „Was besseres als Dakar finde ich überall!“

Die Irritation als Chance

Der zweite Teil unterscheidet sich stilistisch vor allem durch das Handlettering: Es unterstreicht die Lebendigkeit von Markt- und Ringkampfszenen und fügt sich ästhetisch besser in die insgesamt sehr dynamische mise en page ein.

Die erste Lektüre mag verwirren, da sich der Comic gängigen Zuschreibungen entzieht. Mal sind die Dialoge fast schon künstlich profan, mal ist der Off-Text unverständlich verschwurbelt. Zitiert werden gleichsam mexikanische Totenbräuche, Popsongs, die Bibel und Cervantes. Erzählt wird eine (leider gleichsam aktuelle wie realistische) Tragödie im Gewand einer Abenteuergeschichte.

Der Collage-Charakter ist zugleich Stärke und Schwäche des Comics, Inspiration und Irritation der Leseerfahrung. Sprichwörtlich gesagt: Um den bequemen Lesefluss zu ermöglichen, wäre bisweilen weniger mehr gewesen.

In der Irritation liegt aber auch eine Chance: In einer Zeit, in der so manche lauthals nach strikteren Grenzziehungen krähen, kommt ein Comic, der das Thema der Grenzüberschreitung auch stilistisch zelebriert gerade recht. Weder didaktisch dosiert, noch in anderer Form geglättet, regt das ambitionierte Werk zum Nachdenken an. Übrigens: Es ist eine Fortsetzung geplant, die sicherlich zusätzlich Aufschluss über das umfangreiche Personentableau, die mysteriösen Leitmotive und die verschiedenen Handlungsstränge geben wird. Daher: Einige Fragen bleiben zunächst offen, wie es sich für eine Abenteuerserie gehört. Und einen politischen Comic erst recht.

Andreas Hedrich (Bild und Szenario) und Sebastian Pampuch (Szenario): Schläfer im Sand, Mückenschwein-Verlag, 88 Seiten, 22 Euro.

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