Sekundärliteratur : Komische Wissenschaft

Die theoretische Auseinandersetzung mit dem Comic gewinnt langsam auch in Deutschland an Bedeutung. Ein neuer Sammelband präsentiert unterschiedliche Ansätze zur Erforschung der transmedialen Kunstform. 

Hans-Joachim Hahn
Moderner Klassiker: Literaturadaptionen in den Lustigen Taschenbüchern, hier "Der Kurier des Zaren", sind ein Thema des Sammelbandes.
Moderner Klassiker: Literaturadaptionen in den Lustigen Taschenbüchern, hier "Der Kurier des Zaren", sind ein Thema des...Foto: Promo

Comic-Forschung boomt. Die Anzeichen sind nicht mehr zu übersehen. Schon vor einigen Jahren entstand auch in Deutschland eine wissenschaftliche Vereinigung zur Erforschung von Comics, die 2005 gegründete Gesellschaft für Comicforschung (ComFor). Im November 2011 fand deren sechste Jahrestagung statt, dieses Mal an der Universität Passau, bei der ein Großteil der Vorträge von Nachwuchswissenschaftler(inne)n aus einer breit gefächerten Anzahl von Forschungsdisziplinen stammte - den Tagesspiegel-Tagungsbericht gibt es hier. Neben regelmäßig erscheinenden Comic-Seiten in verschiedenen überregionalen Zeitungen, die für die hierzulande in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich gestiegene kulturelle Akzeptanz von Comics sprechen, sind es nun auch immer wieder neue Einzelstudien und Sammelbände, die das besondere Text-Bild-Medium Comics theoretisch zu ergründen suchen. An neueren deutschsprachigen Veröffentlichungen seien etwa Stephan Packards „Anatomie des Comics. Psychosemiotische Medienanalyse“ (2006), Martin Schüwers „Wie Comics erzählen. Grundriss einer intermedialen Erzähltheorie der grafischen Literatur“ (2008) oder Ole Frahms „Die Sprache des Comics“ (2010) ebenso erwähnt wie der von Heinz Ludwig Arnold und Andreas C. Knigge herausgegebene Sammelband „Comics, Mangas, Graphic Novels“ (2009). Längst hat eine neue Phase in der Rezeption des nicht ganz 120 Jahre alten Mediums begonnen, die ebenso wie die Skandalisierung und Kriminalisierung während der 1950er Jahre oder die häufig pathologisierende Forschung in den 1960er und 1970er Jahren erneut auch auf das Medium und seine gesellschaftlichen Verhältnisse zurückwirkt.

Erfreulich an dem hier anzuzeigenden Sammelband von Barbara Eder, Elisabeth Klar und Ramón Reichert zu Theorien des Comics ist die Pluralität der Zugänge. Aufgeteilt auf vier Sektionen versammelt der Band insgesamt 24 Aufsätze aus der internationalen Comic-Forschung, von denen knapp die Hälfte bereits an anderem Ort erschienen ist und hier zum Teil erstmals ins Deutsche übertragen wurde. In ihrer Einleitung bekunden die Herausgeber, dass sie weder die Absicht verfolgten, Bereiche einer „nicht existenten“ Wissenschaft festzulegen, noch einen Kanon oder eine Chronologie aufstellen zu wollen. Die Auswahl der Beiträge sei von dem Bemühen motiviert, einerseits heterogene Zugänge zu präsentieren, zugleich aber auch wechselseitige Verbindungen im Blick zu behalten. Die Einteilung in die vier Bereiche Intermedialität, Techniken des Erzählens, Visuelle Politik und Gedächtniskultur sowie Queere Sichtbarkeiten und dissidente Praktiken solle für unterschiedliche Perspektiven auf Comics sensibilisieren. Ein plurales Wissenschaftsverständnis ebenso wie das Wissen um die Unmöglichkeit „unschuldiger“ Wissenschaft, bestimmt die überwiegend überzeugende Auswahl der Beiträge.

„Eine unheimliche, parteiische Wissenschaft“

Das Stichwort von der nicht existenten Comic-Wissenschaft bezieht sich auf den im Band wieder abgedruckten Aufsatz „Weird Signs“ von Ole Frahm, der die zweite Sektion „Techniken des Erzählens“ eröffnet. Frahm vertritt die These, dass eine Comic-Wissenschaft bisher nicht existiere. Damit bezieht er sich allerdings weniger auf die vorhandenen und schon zahlenmäßig durchaus eindrücklichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu Comics als auf die Struktur der letzteren. Sein Argument geht von der spezifischen Zeichenhaftigkeit der Comics aus, die er als „strukturelle Parodie“ kennzeichnet. Comics seien Parodien auf unsere gängigen Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Zeichen und ihrer Referenz. Ausgehend von der Diskussion einiger Ansätze in der Comic-Forschung (Thierry Groensteen, Scott McCloud) und Untersuchungen zur Gattung der Parodie, leitet Frahm die These ab, Theoretiker beider Felder, Comics und Parodie, litten unter einer mangelnden gesellschaftlichen Anerkennung ihres jeweiligen, komischen oder lächerlichen, Gegenstands. Die Ambivalenz der Wiederholungen im Comic sei gerade das Unheimliche an ihnen. Und das versteht Frahm eminent politisch: Durch ihre strukturelle Parodie schürten die „weird signs“ der Comics die Hoffnung auf eine Ambivalenz der Macht und damit auf deren Zerstreuung oder gar Auflösung; das verbinde sie untrennbar mit der Kultur des 20. Jahrhunderts. In einer genauen Analyse dieses Zusammenhangs liegt entsprechend für Frahm die eigentliche Aufgabe und Bedeutung einer Comic-Wissenschaft, die aber aus „gutem Grund“ in dieser Form (bisher) nicht existiere: „Es wäre eine komische, unheimliche und sicherlich parteiische Wissenschaft.“ So provoziert sein Aufsatz als wissenschaftspolitische Intervention Antworten zu suchen auf die Frage, welche Comic-Forschung wir eigentlich haben wollen.

Hoch- oder Trivialkultur? Ein „Tank Girl“-Cover.
Hoch- oder Trivialkultur? Ein „Tank Girl“-Cover.Foto: Promo

In der den Band eröffnenden Sektion Intermedialität finden sich Reflexionen und Analysen zu heterogenen intermedialen Verhältnissen, in denen Comics stehen. Sie beginnen mit Überlegungen zur Adaption von Literaturvorlagen im Comic, wobei Fokalisierungsstrategien in Dick Matenas Umsetzung von Gerard van den Reeves niederländischem Nachkriegsklassiker „De Avonden“ (Die Abende) ebenso nachgegangen wird wie Literaturadaptionen in Walt Disneys Lustigen Taschenbüchern (Beiträge von Christine Herrmann und Lucia Marjanovic), und reichen über Reflexionen zum Verhältnis von high and low culture am Beispiel der Serie „Tank Girl“ (Thomas Vogler), über den Diskurs von Comics und Architektur (Johann N. Schmidt) sowie der spezifischen Intermedialität von Comics auf Plattencovern (Martina Rosenthal) schließlich bis hin zur Medienästhetik von Webcomics (Ramón Reichert). Mit dem hier angedeuteten Spektrum wird der intermediale Charakter des Mediums anschaulich eingeholt. Ähnlich lässt sich auch für die anderen drei Sektionen festhalten, dass die Vielzahl der theoretischen Zugänge und Fragestellungen, die neben der Semiotik auch post-koloniale Ansätze bis hin zu Positionen der Queer Theory umfasst, einen multidisziplinären Ausblick auf Comics ermöglicht, der zur weiteren (auch) analytischen Beschäftigung mit ihnen einlädt und einen ersten Einblick in die Fruchtbarkeit unterschiedlicher Zugangsweisen ermöglicht.

Vom Comic zum Film

Der schwächste Beitrag im Band ist der unverständlicherweise wieder abgedruckte Essay „Bilder für die Massen. Die prekäre Beziehung von Comic und Film und die dunkle Romantik des Neoliberalismus im neueren Comic-Kino“ von Georg Seeßlen. Am Anfang steht die interessante und comic-historisch fundierte These, dass das neue Medium vom Ende des 19. Jahrhunderts an ebenso wie der Film seinen Ausgang „aus den Ghettos der Einwanderer in die Mitte anständiger Bürgerlichkeit“ nahm, zugleich aber bereits im „Zeitungskrieg“ zwischen Pulitzer und Hearst, der als Geburtsstunde des neuen Mediums gilt, seine Unschuld verloren habe. Leider verliert sich dann auch das Argument in ungenauen Vergleichen und weitreichenden, aber kaum nachvollziehbaren Behauptungen wie etwa der folgenden: „Tatsächlich wird mit der Verschmelzung der Medien (=Comic und Film) die Auflösung der Unterscheidung zwischen Abbild und Metapher, zwischen Dokument und Fiktion, zwischen Spiegel und Maske, zwischen Erzählung und Modell vorangetrieben.“ Eine genauere Analyse des Materials von Comic-Verfilmungen weicht einer beunruhigten Bekundung von unterstellten Befindlichkeiten wie der, dass jemand „den größten Rausch der Identität“ empfinde, wenn er oder sie sich selber vorkomme wie eine Comic-Figur. Warum das aber so sei und was sich jemand überhaupt unter einem „Rausch der Identität“ vorzustellen habe und was das dann alles auch noch mit Neoliberalismus zu tun haben könnte, bleibt das Geheimnis des Autors.

Studienbuch: Das Cover des Sammelbandes.
Studienbuch: Das Cover des Sammelbandes.Foto: transcript

Zwei weitere Mängel seinen noch angeführt, ohne den insgesamt positiven Eindruck allzu sehr zu trüben, den dieser Reader zu internationalen Comic-Theorien hinterlässt. Zum einen besteht eine auffällige Inkongruenz zwischen den im Klappentext genannten Bereichen mit der tatsächlichen Einteilung im Inneren: Warum dort fünf Themenfelder genannt werden, im Band selbst aber nur vier auftauchen, vermag nicht einzuleuchten. Zum anderen sind mindestens in einem Fall etwaige Kürzungen bei einem wieder abgedruckten Aufsatz nicht kenntlich gemacht. So wird zwar in einer Anmerkung zum Beitrag Thomas Voglers auf Kürzungen hingewiesen, aber im Text selbst nicht angezeigt, wo sie vorgenommen wurden.

Dessen ungeachtet erscheint der Sammelband mit seiner theoretischen und thematischen Vielfältigkeit beinahe wie ein Studienbuch für das (bislang noch) nicht existente Studienfach Comic-Forschung. Sollte er an der Etablierung eines solchen Faches seinen Anteil haben, fänden sich in ihm wiederum bereits kritische Instrumente zu dessen Analyse.

Barbara Eder, Elisabeth Klar und Ramón Reichert (Hg.): Theorien des Comics. Ein Reader. transcript, 464 Seiten, 32,80 Euro.

Dieser Text erscheint auch auf literaturkritik.de, wir danken für die Erlaubnis zur Veröffentlichung

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