„The Graphic Canon“ : In Ehrfurcht erstarrt

Eine Nummernrevue, die mit großer Geste daherkommt, aber kaum Fleisch auf den Knochen hat: Der Sammelband „The Graphic Canon“ macht künstlerisch im Vergleich zu dem Platz, den er im Regal beansprucht, eher eine schmale Figur.

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Eine Illustration, kein Comic: Ein Bild von Kat Menschik zur Nibelungensage.
Eine Illustration, kein Comic: Ein Bild von Kat Menschik zur Nibelungensage.Foto: Galiani

Er macht schon einen imposanten Eindruck: Ungefähr auf ein Din-A4-Format angelegt, mit Hardcover-Einband und seinen rund 500 Seiten sticht der jüngst bei Galiani erschienene erste Band des „Graphic Canon“ bereits aufgrund seines Umfangs aus den Neuerscheinungen im Comic-Regal heraus. Doch leider muss man dem Wälzer attestieren, dass sich hinter der großen Geste seines Auftritts nicht viel verbirgt, was lobend zu erwähnen wäre.

Der Band versammelt 57 Adaptionen von klassischen Stoffen der Weltliteratur. Das Versprechen  „Weltliteratur als Graphic Novel“ – so der Untertitel der Anthologie – wird dabei nicht eingehalten: Eine ganzseitige Illustration neben einem Textauszug macht noch keinen Comic (oder, um beim Begriff zu bleiben, keine Graphic Novel). Das mag nun kleinlich klingen – nur geht es mit diesem vernachlässigbaren Missstand schon mal los.

 Statisch wirkende, uninspirierte Seiten

Das Gros der zum „Graphic Canon“ kompilierten Werke kranken genau an dem, woran auch viele andere Adaptionen gerne scheitern: Sie schaffen es nicht, sich eigenständig neben ihrer Vorlage zu behaupten. Nur wenige Künstler, die der Band versammelt, emanzipieren sich auf gewinnbringende Weise von den Texten, die ihren Werken zugrunde liegen. Der Rest scheint vor der literarischen Wucht der klassischen Stoffe in ehrfürchtiger Stase zu verharren.

Dies wird bereits bei Kevin Dixons Comic deutlich, der den Band eröffnet: Dixon hat sich mit dem Gilgamesch-Epos das älteste bekannte schriftlich überlieferte Werk der Weltliteratur vorgenommen. Seine im Funny-Stil gehaltenen Schwarz/Weiß-Zeichnungen bilden zwar einen willkommenen Kontrast zum altehrwürdigen Stoff. Und auch, wenn sein Ergebnis längst nicht in dem Maße desaströs ist wie Burkhard Pfisters Gilgamesch-Adaption: die Inszenierung ist blutleer und banal.

Selbiges lässt sich auch über die meisten anderen der aufgeführten Werke sagen. Stets wird viel gewollt, nicht selten gibt’s auch Arbeiten, die zumindest schon mal graphisch bestehen. Aber die comic-eigene, in einem sequenziellen Zusammenhang stehende Text-Bild-Verknüpfung will nur wenigen recht gelingen. Allzu oft blättert man durch statisch wirkende, dröge und uninspirierte Seiten.

 Nicht jeder gute Illustrator ist ein guter Comicautor

Dieser Eindruck ist dabei nicht zwingend einem erzählerischen Unvermögen geschuldet. Oft resultiert er auch aus dem Umstand, dass es keinen Sinn macht, ein kurzes Kapitel aus einem groß angelegten Comic-Projekt isoliert zu betrachten – oder sich für seine Adaption eine knappe Passage aus einem epischen Wälzer herzunehmen.

Kontrastprogramm: Eine Szene aus Kevin Dixons Annäherung an das Gilgamesch-Epos.
Kontrastprogramm: Eine Szene aus Kevin Dixons Annäherung an das Gilgamesch-Epos.Foto: Galiani

Möglicherweise ist aber noch ein anderer Umstand dafür verantwortlich, dass der erste Band des „Graphic Canon“ insgesamt eher enttäuscht – nämlich der, dass nun mal nicht jeder gute Illustrator auch einen guten Comic zustande bringt. Wer im Inhaltsverzeichnis des Bands nicht unbedingt auf viele Namen, die ihm aus der Comic-Welt geläufig sind, stößt, braucht sich nicht zu wundern, dass hier so mancher an seiner Adaption scheitert.

Gerade alte Meister wie Crumb oder Eisner sind dann eben auch die Namen, die der Band stolz auf seinem Cover trägt. Die beiden Herren führen leichtfüßig vor, wie man einen Stoff gewinnbringend in ein anderes Medium überführt. Auch die Arbeiten von Andrice Arp, die sich mit „Der Fischer und der Djinn“ eine Geschichte aus 1001 Nacht vorgenommen hat, von Hunt Emerson, der mit seiner Dante-Adaption ein gutes Stück weit auf den Spuren Monthy Pythons wandelt und Robert Berry, der sich den zeitlosen Geltungsanspruch von Shakespeares „Sonett 18“ zunutze macht, meistern die Hürden, vor die Adaptionen ihre Urheber stellen. Leider sind sie beim „Graphic Canon“ in der Unterzahl. Zumindest im vorliegenden ersten Band.

Mogelpackung: "Graphic Novel" steht auf dem Titel, im Buch finden sich solche aber nicht.
Mogelpackung: "Graphic Novel" steht auf dem Titel, im Buch finden sich solche aber nicht.Foto: Galiani

Russ Kick (Hg.): The Graphic Canon Bd.1: Von Gilgamesch über Shakespeare bis Gefährliche Liebschaften. Aus dem Amerikanischen von Klaus Binder, Karlheinz Dürr, Anne Emmert, Katja Hald, Anja Hansen-Schmidt, Elsbeth Ranke, Tobias Roth, Heike Schlatterer, Stephanie Singh, Reinhard Tiffert und Joachim Utz. Galiani, 504 Seiten, 49,99 Euro.

Veranstaltungshinweis: In Berlin gibt es am 23. Januar eine offizielle Buchpremiere zum Graphic Canon: Sie findet um 19:30 Uhr in der Tanzsuite im Haus Berlin am Strausberger Platz 1 im 13. Stock mit Panorama-Blick statt. Es lesen die Schauspieler Alessa Kordeck (Grips-Theater) und Nico Birnbaum. Außerdem: Kat Menschik im Gespräch mit Wolfgang Hörner (Galiani) und Live-Illustrationen von Kirill Kolomiets.Moderation: Erik Heier (tip Berlin)

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