Tim und Struppi : Peng? Pang!

Passend zum 80. Geburtstag von Tim und Struppi legt der Carlsen-Verlag derzeit eine überarbeitete Neuauflage der ersten Farbversion des Klassikers vor. Durchschnittsleser werden kaum Unterschiede merken. Aber Fans können sich an liebevollen Details erfreuen – und manchmal auch wundern

Lars von Törne
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Liebevoll editiert. Eine Szene aus "Die Zigarren des Pharaos" in der neu aufgelegten Farbfaksimile-Ausgabe.Illustration: Hergé/Carlsen

Irgendwas stimmt hier nicht. Wer sich die Neuauflage des Tim-und-Struppi-Klassikers „Die Zigarren des Pharaos“ vornimmt, kommt schon auf der ersten Seite ins Grübeln. Da stehen der Reporter und sein vierbeiniger Begleiter an der Reling eines Kreuzfahrtschiffes und plaudern über die bevorstehende Reiseroute. Bombay, Colombo, Singapur, Hongkong lauten ihre Stationen, die auch auf einer eingeblendeten Weltkarte zu sehen sind. Bombay, Colombo..? Moment mal! Ein Blick in eine ältere deutsche Ausgabe des gleichen Buches weiß von einer ganz anderen Route zu berichten, die am Anfang des Abenteuers steht. Da ist das Duo nur auf dem Weg nach Athen, Neapel und Marseille, bevor es zurück nach Hause gehen soll.

Was ist passiert? Für die jetzt nach und nach bei Carlsen heu herausgegebene Farbfaksimile-Ausgabe der ersten Farbversion der Abenteuer von Tim und Struppi hat sich der Verlag streng an das ursprüngliche französische Vorbild gehalten, wie Programmleiter Ralf Keiser erklärt. Veränderungen wie die mit der vermeintlich neuen Reiseroute „ergeben sich daraus, dass die Farbfaksimile-Ausgabe die erste Farbfassung enthält, die in einigen Fällen im Laufe der späteren Jahre noch geändert wurde“, sagt er. Vom Carlsen-Team wurden hingegen keine inhaltlichen Änderungen vorgenommen. „Wir sind da zu hundert Prozent an die französische Vorlage gebunden.“ So erscheint die europäisch beschränkte Reiseroute unserer Helden wie eine vorübergehende Verirrung, die jetzt wieder korrigiert wurde.

Sensibles Handlettering statt schlichter Schreibmaschinenschrift

Die neue Ausgabe der alten Bände ist vor allem ein sinnlicher Genuss. Die Farben scheinen satter, voller, zugleich wurde manch leuchtende Farbe etwas gedämpft, die in älteren Ausgaben zu grell wirkte.

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Gleicher Schuss, anderer Klang. Die gleiche Szene wie oben - aus einer Ausgabe von "Die Zigarren des Pharaos" aus den 80er Jahren.Illustration: Hergé/Carlsen

Das Papier ist rauer und vermittelt zusammen mit dem festen Einband schon haptisch das Gefühl, ein Kunstwerk in den Händen zu halten. Das Handlettering stammt von einem der großen Meister der Zunft, dem auch als Reprodukt-Verleger mit einer glücklichen Hand gesegneten Dirk Rehm. Sein fein ausbalanciertes Lettering ersetzte Mitte der 90er Jahre die grobschlächtige Schreibmaschinenschrift, die die deutschen Tim-und-Struppi-Bände lange geprägt hatte. Aus Kostengründen hat der Carlsen-Verlag nun dieses Handlettering für die neue Ausgabe fast unverändert übernommen. Das bekommt dem Gesamteindruck gut.

Es gibt allerdings einige Panels, wo der Einsatz des Handletterings und das teilweise Beibehalten von Maschinenschrift für Außenstehende nicht ganz nachvollziehbar sind. In einem Buch aus der neuen Auflage wurden merkwürdigerweise sogar Zeitungs-Seiten mit einem Handlettering aktualisiert, wohingegen der eine oder andere offizielle Brief auch in den neuen Bänden weiterhin mit Schreibmaschine gelettert bleibt. Programmleiter Keiser erklärt das mit inhaltlichen Erwägungen. „Text in Schreibmaschine haben wir dort unverändert gelassen, wo es uns angemessen erschien, wo man also auch in den vierziger Jahren mit der Schreibmaschine gearbeitet hätte.“

Manche Veränderung bleibt rätselhaft

Sprachlich sind nur minimale Änderungen zu merken, die allerdings auch nicht immer inhaltlich nachvollziehbar sind. Wieso in einer Szene in „Die Zigarren des Pharaos“ ein Schuss nun "Pang" statt - wie in früheren Ausgaben - lautmalerisch „Peng“ macht,  erschließt sich dem Leser nicht. Auch einige veränderte Formulierungen – so wurde an einer Stelle ein Ausruf „Ach so!“ durch „Das ist ja interessant!“ ersetzt - bleiben rätselhaft.

Andere Veränderungen hingegen machen durchaus Sinn. So ein Eingriff im Buch „Der Arumbaya-Fetisch“, dem fünften und bislang letzten Band der Farbfaksimilie-Neuausgabe. Dort ist auf den ersten Seiten in einigen Panels ein Buch zu sehen mit dem Titel „Reisen durch Südamerika“, das jetzt optisch besser ins Gesamtbild passt, was Carlsen-Programmleiter Keiser so erklärt: „Sowohl das Cover dieses Buches als auch die Innenseiten haben wir neu machen lassen, da die Version aus der Albumausgabe nicht sehr attraktiv ist.“

Für den durchschnittlichen Comic-Leser, der hin und wieder die alten, abgegriffenen Tim-und-Struppi-Bände aus dem Regal nimmt und sich darin vertieft, ist es wahrscheinlich nicht nötig, diese durch die jetzt erscheinende Neuauflage zu ergänzen. Für Liebhaber bibliophiler Schmuckstücke ist es allerdings eine Freude, die neuen Bände in den Händen zu halten.

Die Farbfaksimile-Ausgaben der ersten Farbausgaben der Tim-und-Struppi-Abenteuer erscheinen nach und nach im Carlsen-Verlag und kosten 17,90 Euro pro Band. Mehr unter diesem Link.

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