Western-Comic : Blutige Plündertour

Die Western-Serie „Wanted“ bedient sich schamlos bei den Genre-Klassikern und setzt auf voyeuristische Gewaltexzesse, bleibt als Erzählung aber enttäuschend ambitionslos.

Sven Jachmann
Lust an der Gewalt: Eine Seite aus dem ersten Band.
Lust an der Gewalt: Eine Seite aus dem ersten Band.Foto: Splitter

„Wenn man einem Mann ans Leder will, hält man keine langen Reden“, spricht Wanted mit genreeigenem Pathos zu seinem angeschossenen Gegner, der die Ablenkung des titelgebenden, narbengesichtigen Kopfgeldjägers bei der Prostituierten Rosita für einen Hinterhalt nutzen wollte. Eile scheint auch das Gebot zu sein, dem sich der Auftakt dieser sechsbändigen Westernserie verschrieben hat, deren zweiter Band kürzlich erschienen ist.

In Hochgeschwindigkeit plündern sich Thierry Girod (Zeichnungen) und Simon Rocca (Text) durchs Bilderarsenal des Genres, dass es nur so eine Art hat. Das beginnt bereits beim offensichtlich von Jean Girauds Klassiker „Blueberry“ adaptierten Zeichenstil, dessen schmutziger Realismus in die Erzählstruktur geradezu prototypischen Pulps übertragen wird – eine den Zeichnungen vergleichbare Gemeinsamkeit zwischen Rocca und „Blueberry“-Szenarist Jean-Michel Charlier lässt sich allerdings auch mit den besten Absichten nicht herleiten.

Hier bleibt alles auf solch naive Weise Versatzstück, dass man hinter der Ernsthaftigkeit, mit der die Geschichte vorgetragen wird, glatt eine Parodie vermuten will: Auf der ersten Seite fürchtet sich ein gesuchter Bandit vor Wanted, auf der zweiten tritt dieser dann in Erscheinung und auf der dritten präpariert Wanted bereits dessen Leiche. An diesem Rhythmus ändert sich nicht viel. Zufällig gerät der kernige, aber im Herzen integere Wanted an die blutrünstigen Gebrüder Bull, die für Skalpprämien reihenweise Zuñi - und Hopi-Siedlungen überfallen. Einem schwer verwundeten Überlebenden verhilft er schließlich zur Rache – und die soll nach dem ersten Erfolg sodann auch der Folgeband weiter verfolgen.

Blutiges Handwerk: Die Skalpjäger bei der Arbeit.
Blutiges Handwerk: Die Skalpjäger bei der Arbeit.Foto: Splitter

Grausame Zeiten, grausame Menschen

Tatsächlich besitzen Plot, Figuren und visuelle Erzählstrategien nicht mehr Freiraum als ein „Silberpfeil“-Heft: Die Figuren sind wie sie sind, gut oder böse, und selbst die Montage der Panels zeugt von einer Hektik, die Atmosphäre behauptet, wo zunächst eine sequentielle Bezugnahme vonnöten wäre. Ob der Verlauf eine solch epische Form benötigt, wird sich in den späteren Alben zeigen. Die Drastik der Gewalt hingegen sticht aus der Konventionalität des Settings weit heraus. Der gewünschte Effekt ist augenscheinlich: Grausame Zeiten sind das, in denen grausame Menschen zu grausamen Taten fähig sind.

Der Schematismus der Erzählung erweckt recht vehement den Eindruck, dass es auch die Gewalt sein soll, die „Wanted“ von anderen Genrevertretern abhebt: Der Szenenwechsel zum ersten Panel der vierten Seite zeigt beispielsweise als Einstiegsschock einen Schädel, von dem die Kopfhaut mit einem Messer abgetrennt wird – der erste Auftritt der Brüder Bull, die gerade eine Gruppe Siedler massakrieren. Zum Schock gesellt sich alsbald die Kontemplation. Die Lust daran, möglichst anstößig sein zu wollen, zeigt sich im Anschluss bei einer Vergewaltigung. Deutet das erste Panel bloß an, wie ein Kind mit einem Revolver erschlagen wird, zentriert das darauffolgende die entblößten Brüste und den ängstlichen Blick der Mutter vor hellrotem Hintergrund. Abstoßend hieran ist mehr noch als der Inhalt dieser Sequenz die Nonchalance, wie ein Bildertabu offensichtlich das andere aushebelt: Grauenvoll sollen zwar beide Taten wirken,  aber im Gegensatz zum zertrümmerten Kinderschädel ist nur der Blick aufs nackte Fleisch potentiell lustvoll besetzt, somit scheinbar opportun und wird deswegen auch gewährt.

Im Rausch der Gewalt

Diese Hierarchie unter den Gewaltbildern steht im unmittelbaren Verhältnis zur Ambitionslosigkeit der Erzählung. Sie funktionalisiert die Gewalt als Schauwert, weil sie narrativ nur ihr Genrefeld beackert und forciert deswegen als Abwechslungsgarant den Reiz des Verruchten. Dreckig soll das Ganze dann zwar schon sein, aber im Zweifel besitzen nackte Brüste vor jedweder behaupteten Irritation der Sehgewohnheit, vor jeder Reflektion der eigens gesetzten Bildagenda ihr Vorrecht, selbst bei einer Vergewaltigung. Scheußlich ist das in der Tat, aber bloß deshalb, weil sich solcherlei Bild- und Gewaltprogrammatik in offenkundig dummdreist doppelmoralischer Weise an der eigenen Scheußlichkeit ergötzt, als seien die prüden 50er Jahre mit blutigerem Antlitz wiederauferstanden.

Simon Rocca (Text), Thierry Girod (Zeichnungen) und Jocelyne Charrance (Farben): Wanted , bislang zwei Bände. Aus dem Französischen von Tanja Krämling. Splitter Verlag, Bielefeld 2011, je 48 Seiten, je 13,80 Euro.

Leseproben der ersten beiden Bände gibt es auf der Website des Verlages, mehr von unserem Autor Sven Jachmann auf seinem Blog.

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