Kultur : Das nächste Lied ist immer das schwerste

Poldi vor, Ball ins Tor: Wie Popmusiker und Schauspieler die WM besingen. Ein Konditionstest

Axel Vornbäumen

Im Oktober 1973 bat der fußballspielende Komponist Horst Nussbaum (Pseudonym: Jack White) den kompletten DFB-Kader ins Studio, um den offiziellen WM-Song der Nationalmannschaft zur 74er Weltmeisterschaft aufzunehmen. Das Lied hieß „Fußball ist unser Leben“, auf dem Plattencover ist die Mannschaft von damals im Trainingsanzug zu sehen, was auch ein Grund dafür war, dass es die Scheibe, allerdings erst ein paar Jahre später, zu einem gewissen Kultstatus gebracht hat. Die erste Strophe ging so: „Ha! Ho! Heja heja he! / Fußball ist unser Leben / Denn König Fußball regiert die Welt / Wir kämpfen und geben alles / Bis dann ein Tor nach dem anderen fällt.“

Trotz einer nicht zu leugnenden Schlichtheit konnte sich das Lied in den Stadien nicht durchsetzen. Im Dezember 1973 erreichte es Platz 27 in den Charts, höher kam es nie. Ein gutes halbes Jahr später war Deutschland Weltmeister. Obwohl die Dinge mittlerweile weit komplexer liegen, gilt „Fußball ist unser Leben“ vielen immer noch als kräftigster Beleg für die These, dass Fußballer besser nicht singen sollten. Das tat der turnusmäßig alle vier Jahre einsetzenden Produktion allerdings keinen Abbruch: Im Jahr 1990, dem nächsten deutschen Weltmeisterjahr, versuchte sich Udo Jürgens mit den Nationalkickern mit einem im weitesten Sinn geographisch-pädagogisch zu nennenden Ansatz. Die Weltmeisterschaft fand in Italien statt. Das Werk hieß „Wir sind schon auf dem Brenner“, Kultstatus erreichte es nicht. Der Refrain ging so: „Wir sind schon auf dem Brenner – Wir brennen schon darauf / Wir sind schon auf dem Brenner – Ja, da kommt Freude auf.“

Mit im Chor damals auch: Jürgen Klinsmann, heute Teamchef. Klinsmann hat es vor diesem Turnier abgelehnt, einen WM-Song mit der gegenwärtigen Kicker-Generation aufzunehmen, was womöglich gar für ein gewisses Rhythmusgefühl seinerseits spricht, jedoch nicht von allen goutiert wird. Jack White etwa, der wie vor über dreißig Jahren gerne wieder was für unsere Jungs komponiert hätte, sagt: „Ich als Fußballer finde das völlig daneben, weil es an den Fans vorbei geht“, Klinsmann dagegen, so White, gehe es nur ums Geld.

54, 74, 90, 2006 – sollten die deutschen Spieler es zum Titel schaffen, täte sich erstmals seit 1954 (Die „Helden von Bern“ sangen damals noch nicht) ein musikalisches Vakuum von offizieller Seite auf. Stumm wird es, so viel kann man schon verraten, in den Stadien dennoch nicht bleiben. Nebenbei bemerkt: Die musikalische Enthaltsamkeit der Nationalmannschaft ist ganz und gar kein deutsches Spezifikum. Der englische Fußballverband etwa untersagte unlängst sogar seinem Star David Beckham den Solo-Einstieg ins Musikgeschäft. Das Debüt des Nationalmannschaftskapitäns mit der Band New Order, die eine Rap-Version von „World in Motion“ einspielen wollte, musste auf nach der WM verschoben werden.

Möglicherweise ist das auch ganz gut so. Denn die Zahl der auf CD gepressten Zumutungen mit mehr oder weniger krampfhaftem WM-Bezug wächst ohnehin fast täglich. Das Zeug zum Hit, zum Klassiker gar, der später mal mit dieser Weltmeisterschaft in Verbindung gebracht wird, haben im Prinzip nur zwei: Die Sportfreunde Stiller („54, 74, 90, 2006“) sowie Max Raabe, Heino Ferch, Peter Lohmeyer & Das Palastorchester („Schieß den Ball ins Tor“), beides allerdings Lieder von eher hintergründiger Ironie. Die Sportfreunde singen: „54, 74, 90, 2006, ja so stimmen wir alle ein, /mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein, / werden wir Weltmeister sein. / Wir haben nicht die höchste Spielkultur, sind nicht gerade filigran. /Doch wir haben Träume und Visionen und in der Hinterhand ’nen Masterplan.“

So etwas singt sich leichter aus der intellektuell abgesicherten, sympathümelnden Halbdistanz nach glücklich überstandener Vorrunde als mitten im Getümmel der Nordkurve – obwohl es den Sportfreunden, selbst fanatische Fußballfans, alles andere als egal ist, wie die Deutschen abschneiden. Bandmitglied Flo hat seinerzeit sogar geweint, als Rudi Völler von Frank Rijkaard bespuckt wurde, „weil ich so wütend und geschockt war und dem Völler nicht helfen konnte“. Ein gleiches Maß an Empathie für den Fußball an sich bringt das Trio Raabe, Ferch, Lohmeyer mit, die den „Wunder von Bern“-Sound für die Neuzeit auflegen wollen: „Schieß den Ball ins Tor, / lass den Poldi vor, / zieh den Kopfball am Torwart vorbei.“

Dem Fußball wird dabei eine gewisse proletarische Unschuld attestiert. Raabe, Ferch und Lohmeyer wollten damit explizit was gegen die „Jetzt geht’s los“-Einfallslosigkeit in deutschen Stadien tun, was allerdings nicht so einfach sein wird. Das Lied taugt sicher zur Halbzeitbeschallung in den Stadien und, ab Achtelfinale, dann auch – „Lass den Poldi vor“ – vor einem potentiellen Elfmeterschießen.

Der Rest taugt nix. Entweder sind es gefühlige Pseudo-Hymnen wie der für den Sender Premiere aufgenommene Erkennungssong „Won’t forget these days“ der Deutschrocker Fury In The Slaughterhouse oder Bumsmusik a la „Deutschland ist geil“ vom Berliner Duo Soul Control, dessen „Ba-ba-ba-ballack ist geil. King-Kahn ist geil. Deutschland ist geil- ge-ge-ge-geil“ nur erträglich wird, wenn es aus hoffnungslos übersteuerten Ghettoblastern schnellen Schrittes vorüberzieht.

Ohnehin stehen der Fußball und das von den Rängen erschallende Liedgut ja eher in einem konservativen Gesamtzusammenhang. Nichts geht über die Klassiker wie „You’ll never walk alone“ oder „Here we go“. Weil die Texte auf Englisch sind und die Briten vom Haus aus höflich, hat die britische Botschaft unlängst vorgeschlagen, sie zwecks angestrebter Völkerverständigung ins Deutsche zu übersetzen (nachzulesen auf www.britishembassyworldcup.com). Auch das Massenblatt „The Sun“ hat seinen Beitrag geleistet und seinen Lesern für die Reise über den Kanal die ersten Worte der Nationalhymne mit auf den Weg gegeben: „Gott speichern unsere liebenswürdige Königin.“

Doch schöner ist es ohnehin im Original. Und so ist die mit Abstand authentischste Einstimmung auf die Stadiongesänge, die so kurz vor Beginn der WM auf dem immer unübersichtlicheren Musikmarkt zu finden ist, die CD „World Cup Sing-A-Long“ von „The Official England Supporters Club and England Band“: „Que sera sera“, singt die Band aus heißem Herz und heiseren Kehlen, „whatever will be will be, we’re staying in Germany, que sera sera“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar