Kultur : Der KZ-Überlebende Bill Basch kehrt zurück zu den Orten des Grauens

Clemens Wergin

"Wenn ich über meine Erlebnisse in Auschwitz und Dachau rede, versuche ich, mir Bill Basch immer als eine andere Person vorzustellen", sagt Bill Basch und lugt etwas unsicher hinter seinen Brillengläsern hervor. Der kleine, kompakte Mann mit den entschlossenen Bewegungen ist einer der fünf Holocaust-Überlebenden, die im heute anlaufenden Dokumentarfilm "Die letzten Tage" vom Schicksal der ungarischen Juden erzählen. Bei seinem ersten Interview in Deutschland ist er noch etwas nervös, gleichzeitig aber euphorisch, mit seiner Leidensgeschichte die von Spielberg ins Leben gerufene Shoa-Foundation voranzubringen.

"Ich bin nur ein Instrument", sagt Basch, der seit fünf Jahren vor amerikanischen Schulklassen erzählt, wie er im von den Nazis 1944 besetzten Budapest als 17-Jähriger in den Untergrund ging. Seine Aufgabe war es, die vom schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg ausgestellten Schutzpässe zu versteckten Juden zu bringen. Aus Sicherheitsgründen benutzte er die Budapester Kanalisation für seine Wege durch die Stadt. Als er eines Tages den Ausstieg verwechselte und statt im Hof eines sicheren Hauses vor ungarischen Soldaten aus dem Abwassernetz stieg, schien sein Schicksal besiegelt. Zwar konnte er fliehen, geriet aber vom Regen in die Traufe, als er sich in einen Trupp vorbeimarschierender Juden einreihte: Deren Weg führte nach Auschwitz.

Die Filmcrew der Shoa Foundation begleitete die fünf Überlebenden an den Ort ihrer Leiden, nach Auschwitz und - wie bei Bill Basch - auch nach Dachau, wo er von den Amerikanern befreit wurde. "Diese Reise war sehr hart" sagt Basch, der zum ersten Mal zu den Orten zurückkehrte, die ihn noch in Amerika lange Jahre in seinen Alpträumen verfolgten. Die Filmreise 1997 hinterließ ihre Spuren: "Nach meiner Rückkehr musste ich mich erst einmal in psychische Behandlung begeben, weil ich mehr als zwei Monate in Depressionen versank." Dabei hatte die Shoa-Foundation aus ihrem Fundus von 50 000 Interviews schon diejenigen Überlebenden ausgesucht, die ihre Erfahrungen auf irgendeine Weise expressiv verarbeiteten und innerlich gefestigt schienen. Sei es nun Alice Lok Cahana, die ihre Erlebnisse in Kunst einfließen lässt, oder der Kongressabgeordnete Tom Lantos, der sich in der Politik für Menschenrechte einsetzt. Bill Basch, der in Amerika Geschäftsmann in der Modebranche wurde, brachte aus den Konzentrationslagern einen unbändigen Erzähldrang mit. "Reden ist eine mentale Erleichterung für mich", sagt er, "der Schmerz, der damit einhergeht, ist der Preis, den ich für diese Erleichterung bezahlen muss."

Im Film übermannt ihn dieser Schmerz, als Basch zum ersten Mal die Krematorien von Dachau sieht. Es ist der einzige Moment, in dem die Kamera pietätsvoll auf Abstand geht und den heute 73-jährigen mit seinem Sohn allein lässt. "Ich hatte in diesem Moment eine Vision", sagt Basch im Rückblick. "Das war der Weg, auf dem meine Schwester, mein Bruder und meine Eltern diese Welt verließen. Plötzlich sah ich sie vor mir, wie sie in den Öfen verbrannten."

Aus dem größeren Familienkreis von Basch kamen 50 Verwandte im Holocaust um. Nur bei seiner Mutter weiß er genau, wo sie starb. "Meine Mutter hat sich vom ersten Tag in Auschwitz geweigert, zu essen, hat ihre Rationen meiner kleinen Schwester gegeben", erzählt Basch. Seine Schwester, die Überlebte, war damals noch sehr jung. Als sie eines Tages ihre Mutter nicht finden konnte, fragte sie einen Wächter nach ihr. "Der zeigte nur auf den qualmenden Schornstein des Krematoriums", sagt Basch mit jenem etwas unsicher-zweifelndem Blick, als könnte er solch einen Zynismus bis heute nicht fassen.

"Die letzten Tage" war auch ein psychologisches Experiment mit ungewissem Ausgang. Wie würden Überlebende reagieren, die zum ersten Mal wieder mit den Stätten des eigenen Leidens konfrontiert werden, und das auch noch vor laufenden Kameras? Deshalb bestand die Shoa Foundation darauf, dass jeder der fünf mindestens einen engen Familienangehörigen mit auf die Reise in die Vergangenheit nahm. "Es hat mir sehr geholfen, meinen Sohn dabei zu haben", sagt Basch. Bei den Baschs zu Hause war der Holocaust ohnehin immer ein Thema. Seine Frau starb vor 20 Jahren an den Spätfolgen medizinischer Experimente, die in Auschwitz mit ihr gemacht wurden. Trotzdem hat Basch nicht generell etwas gegen Deutsche. "Ich habe gelernt, niemals kollektiv zu verurteilen", sagt er und meint, diese Einstellung sei sowohl für sein Überleben wie auch für seine mentale Gesundheit grundlegend. "Hass ist keine Lösung, sondern letztendlich nur selbstzerstörerisch." In Berlin will er aber doch nur zwei Tage bleiben, "um mich nicht zu überfordern."

Wenn er erzählt, reisst Basch hin und wieder die braunen Augen weit auf. Dann zeigt sein Gesicht jenes ungläubige, jugendliche Staunen: Dass gerade ihm all das passieren musste. "Ich habe keine Schuldgefühle, überlebt zu haben, während so viele andere starben", sagt er. "Ich empfinde es aber als Verpflichtung, der Menschheit durch meine Erzählungen etwas zurückzugeben."

0 Kommentare

Neuester Kommentar