Kultur : Der Petrarca aus Sachsen

Ein renitenter Traditionalist: zum 70. Geburtstag des Dichters Rainer Kirsch

Michael Braun

Ein leidenschaftlicher Prediger strenger Verskunst lässt sich von gesundheitlichen Krisen nicht aus dem Form-Gleichgewicht bringen. „Ich huste, wenn ich huste, meistens jambisch“, schreibt Rainer Kirsch in einem seiner Petrarca-Sonette – und diese ironische Demonstration von Formbewusstsein ist charakteristisch für diesen traditionsverliebten Autor, der in der „sächsischen Dichterschule“ sein Handwerk gelernt hat. Dass „die Doktoren“ von heute „keinen Dunst mehr haben, was ein Vers ist“ – so ein weiteres Petrarca-Sonett –, ist ihm ein fortdauerndes Ärgernis.

Wie die meisten seiner Generation begann der im sächsischen Döbeln geborene Kirsch als idealistischer Marxist zu schreiben, fasziniert von den Denkfiguren Ernst Blochs. Den „Geist der Utopie“ wollte ihm sein paranoischer Staat gründlich austreiben: 1957 wurde der Philosophiestudent von der Jenaer Universität relegiert und zur „Bewährung“ in die Landwirtschaft und in die chemische Industrie geschickt. Das Erziehungsziel wurde indes verfehlt: Der Dichter arbeitete fortan nicht an der Anpassung seines politischen Bewusstseins, sondern nur an der Verfeinerung seines poetischen Sensoriums. Mit üblen Folgen: Das Johannes-R.-Becher-Institut in Leipzig verweigerte ihm 1965 das Abschlussdiplom, 1973 wurde der Dichter wegen seiner angeblich „spätbürgerlich-revisionistischen“ Komödie „Heinrich Schlaghands Höllenfahrt“ aus der Partei ausgeschlossen. „Das Bemühen um Realismus“, so schrieb er einmal über Sarah Kirsch, mit der er acht Jahre verheiratet war, „wird ja leicht mit Geschichtspessimismus verwechselt und dann für zersetzend gehalten.“

Die Jahre der kulturpolitischen Ignoranz überstand Rainer Kirsch mit Nachdichtungen der großen Tragiker Anna Achmatowa, Sergej Jessenin und Ossip Mandelstam. Er selbst schrieb „im Maße Petrarcas“ oder „im Ton Mandelstams“, vermied jedoch bei aller radikalen Subjektivität den totalen Bruch mit seinem Staat. Als kurz vor der Wende sein Gedichtband „Kunst in Mark Brandenburg“ in beiden deutschen Staaten erschien, war Rainer Kirsch auf dem Höhepunkt seines Könnens. Kurz bevor die DDR von der Bildfläche verschwand, wählte man ihn zum letzten Vorsitzenden des Schriftstellerverbands.

Eine tiefe Verbitterung des Autors brach hervor, als er 1996 eine Lobrede auf seine jungen Kollegen Barbara Köhler und Jörg Schieke hielt. Der gesamtdeutsche Literaturbetrieb hatte den sächsischen Petrarca ins Abseits gedrängt – und Rainer Kirsch reagierte darauf mit einer höhnischen Attacke auf die Geschichtsvergessenheit des Westens. Seine späten Sonette und Xenien reflektieren diesen desillusionierten Blick auf die neuen deutschen Verhältnisse in scharfen Sarkasmen: „Damit wir uns zur Neuen Mitte recken; / Es reicht ja nicht, dass uns der Zeitgeist voll macht –/ Wir sollen ihm auch noch den Ausgang lecken.“ Rainer Kirsch, der renitente Traditionalist, feiert heute in Berlin seinen siebzigsten Geburtstag.

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