Deutsches Symphonie-Orchester : Ein Orchester erobert sich den Raum

Erst in himmlischen Spähren, schließlich fest geerdet: Das Deutsches Symphonie-Orchester und Robin Ticciati mit dem Violinkonzert von Thomas Adès und Mahlers Vierter.

von
Robin Ticciati
Robin TicciatiFoto: Fabian Frinzel und Ayzit Bostan

Erst im September wird Robin Ticciati sein Amt als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin antreten – doch wie er Konzertsäle und Klänge zu erobern gedenkt, das führt er bereits programmatisch zum Saisonausklang bei seinem letzten Dirigat als Gastdirigent vor. Sukzessive und aus der Höhe kommend ergießt sich das Orchester über den Verlauf des Abends in die Philharmonie: Den Beginn macht eine doppelchörige Canzone des frühbarocken venezianischen Meisters Giovanni Gabrieli, die von den Blechbläsern hoch oben hinter dem Podium intoniert wird und den bekannten Raum in einer ungewohnten Klangperspektive erscheinen lässt.

Danach erdet sich das Klanggeschehen mit zwei Fantasien von Henry Purcell, welche 16 Streicher stehend von den hinteren Podiumsplätzen aus darbieten. Erst dann füllen sich für Thomas Adès’ 2005 komponiertes Violinkonzert „Concentric Paths“ die eigentlichen Orchestersitze, wobei das Ensemble nach der Pause zu Gustav Mahlers vierter Symphonie noch ein weiteres Mal zu maximaler Größe anschwillt und dabei auch noch die Sopranistin Hanna- Elisabeth Müller in ihre Reihen aufnimmt.

Transparenz und Lyrik

So schlicht und stringent sich die Programmidee ausmacht, so anspruchsvoll ist sie zugleich für Musiker und Dirigenten, deren Flexibilität und stilistische Vielseitigkeit konstant gefordert werden. Ticciati gelingt es dabei, ein inneres Band zwischen den Werken zu knüpfen, ohne ihre Kontraste völlig zu negieren: So schafft er in Purcells Fantasien eine schöne Balance zwischen historisch informierter Transparenz und postromantischem lyrischen Ausdruckswillen.

Eine Spiegelung davon kann man in dem nach klassischen Prinzipien geformten ersten Satz der Mahlersymphonie erblicken: Hier nämlich gelingt es Ticciati insbesondere bei den Streichern sehr überzeugend, zwischen haydnscher Leichtigkeit und Klarheit der Tongebung sowie lustvoll schmachtenden Rubati zu vermitteln. Neben der schlicht, aber berückend singenden Hanna-Elisabeth Müller setzt auch Gregory Ahss mit einem hübsch teuflisch gefiedelten Violinsolo einen wichtigen Akzent. Der erste Konzertmeister Wei Lu hingegen, der als Solist in Adès’ Konzert auftritt, ist dort am stärksten, wo sich die Farben von Sologeige und besonders Bläsern verbinden und gegenseitig reflektieren. Zum effektvollen Schluss aber dürfte er durchaus noch etwas eitler hervortreten.

Rundfunkübertragung des Konzerts am 8. Juli um 20.04 Uhr im rbb-Kulturradio

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