Kultur : DHM Berlin: Die Pubertät der Moderne - Das Menschenbild der Weimarer Republik

Clemens Wergin

Jeder weiß, wie die 20er Jahre des 19. Jahrhunderts waren. Alle haben wir Bilder im Kopf von stark geschminkten Frauen mit Bubiköpfen in Charleston-Kleidern und Männern in einteiligen Badeanzügen. Eine wilde Zeit muss es gewesen sein. Hektisch, vergnügungssüchtig und den Fluch der späteren Nazi-Zeit schon in sich tragend. Eine Zeit, die an beiden Enden der Kerze brannte, ein Vergnügungsdampfer, der unter vergnügtem Gekreische der Festgäste dem Wasserfall zutrieb. Wenn zwischen diesen Mythen die sozialen Realitäten auftauchen, dann immer von George Grosz aufs Papier gebannt: Jene Kriegsgewinnler, kaisertreuen Generäle und Fabrikanten, denen das Blut über die Wolfszähne rinnt und aus deren aufgequollenen Fettleibern Geldbündel wachsen. Daneben Kriegsversehrte ohne Beine, die um Almosen bitten.

Eine flüchtige Zeit, die sich am Besten in einem flüchtigen Medium erhalten hat: Die Fotografie ermöglichte mit der Kleinbildkamera, auch bewegte Straßenbilder aufzunehmen. Den Menschen in Öffentlichkeit und Alltag zum Thema zu machen. Das Deutsche Historische Museum in Berlin versucht nun ein Vabanque-Spiel. Man will jene 15 Jahre der Weimarer Republik von 1918 bis zu Hitlers Machtergreifung 1933 aus sich selbst heraus rekonstruieren. Wie sahen sich die Deutschen damals, wie inszenierten sie sich selber und ihre Umgebung? Amateurfotografien werden professionellen Aufnahmen gegenüber gestellt. Einem authentischen Eigenbild will man auf die Spur kommen. Ein Versuch, der fehlschlagen muss. Der gerade in seinem Scheitern offenbart, wie nah die 20er unser eigenen Zeit sind. Denn längst ist auch damals das Authentische nur noch als Inszeniertes zu haben. Man posiert als Filmstar auf Privatfotos. Und selbst das engagierte Sozialporträt folgt den Vorbildern aus der Kunst: Arbeitertristesse allenthalben. Es scheint, als sei die Welt in zwei geteilt. Als könnten Arbeiter nicht lachen, nur weil es den Gesetzen des Genres widerspricht. Und als müsste das Mondäne immer gleich lasziv sein und überspitzt. Und als dürften Künstler immer nur als grüblerische Gedankenfischer in deutschen Tiefen abgebildet werden. Wie jede Zeit ist auch diese in den Bildern von sich selbst gefangen.

Zwar versammelt Kurator Hans Puttnies ein buntes und manchmal kurioses Sammelsurium von Menschenbildern. Was aber nicht gelingt, ist ein wirklich neuer Blick auf eine Epoche im Umbruch. Zu sehr ist die Auswahl gelenkt von unserer Perspektive auf die 20er Jahre. Von den ästhetisierten, steif posierenden Anhängern der Freikörperkultur, die noch in den Bildern die Verklemmtheit jener Bewegung offenbaren, bis zur "Weißen Frau" der Persilwerbung, die heute auf wiederaufgelegten Emaille-Schildern deutsche Wohnungen verhübscht. Noch mehr Zufälliges, Überraschendes hätte man sich gewünscht. Gegenentwürfe vielleicht, Minderheitenpositionen.

Vielleicht sind die 20er Jahre schon zu sehr unsere eigene Zeit. Der Ufa-Starkult entsteht, Werbebilder formen den Idealmenschen, den sowohl Kommunisten als auch Nationalsozialisten in ihren kraftstrotzenden Wahlplakaten feiern. Schon lässt sich nicht mehr entscheiden: Welcher Mensch ist wirklich er selbst, und wer formt sich nur den Werbe- und Filmbildern nach. Eifert der Film dem Leben nach oder das Leben dem Film? Wie jene anonyme junge Frau, die sich im Fotoautomaten als Filmstar verewigt. "Das Gesicht der Weimarer Republik" hat zudem den gleichen großstädtischen Blickwinkel, mit dem wir heute noch die 20er Jahre betrachten. Eine Spannung hätte allenfalls enstehen können aus der Darstellung der Ungleichzeitigkeit einer Epoche. In der man in manchen mittelalterlichen Städten kaum erstaunt gewesen wäre, einen Flagellantenzug um die Ecke biegen zu sehen, während zur selben Zeit am Bauhaus die Stadtvisionen der Zukunft ersonnen wurden. Diesen Kontrast zeigt die Ausstellung nur in den wenigen Arbeiterporträts, und jenem "Schwarzwälder Waldarbeiter" von Erna Lendvai Diercksen, dessen ganzes Leben sich in seinen Falten abgesetzt zu haben scheint. Doch fast wirken die Filmporträts realer, weil bekannt. Anstatt diesem Konfliktpotenzial nachzuspüren, führt die Ausstellung immer wieder Hitler vor. Seine Posen, das überdramatisierte Auftreten eines Schmierenkomödianten. Und doch erklärt das gar nichts. Denn trotz der Elendsbilder von Käthe Kollwitz und George Grosz bleiben die Konflikte zwischen Stadt und Land ausgeblendet, zwischen dem was Fritz Stern einmal die "überzogene Modernität Berlins" genannt hat und jener deutschen Provinz und jenem Kleinbürgertum, dass die Weimarer Republik letztlich überwältigte. Hinter der attraktiven Urbanität der bürgerlichen Elite in der Weimarer Republik gerät das Andere, Verborgene aus dem Blick. Das spießige, verhuschte und beladene Deutschland verschwindet hinter all den Werbeillustrationen, Katalogbildern und Benimmanleitungen. Jenes Deutschland also, das man auch in unseren heutigen Hochglanzmagazinen vergeblich suchen wird.

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