Diskussion im Haus am Waldsee : Zollgut und Knochen

Wie lässt sich Kulturgeschichte erzählen? Aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Was das für die Museen der Zukunft bedeutet wurde im Rahmen der 8. Berlin Biennale im Haus am Waldsee diskutiert.

Claudia Wahjudi
Koloniales Erbe: Abonnencs Installation im Berliner Haus am Waldsee.
Koloniales Erbe: Abonnencs Installation im Berliner Haus am Waldsee.Foto: Biennale

Eingeladen hatte der 1977 in Französisch-Guyana geborene Künstler Mathieu Kleyebe Abonnenc. Die vier Kuratoren, die er ins Haus am Waldsee gebeten hatte, um über Museen der Zukunft zu diskutieren, mussten dann zwar ohne den überraschend Verhinderten auskommen, hatten aber immerhin seinen Beitrag zur 8. Berlin Biennale vor Augen.

Objekte aus dem Pariser Musée du quai Branly, 1931 bis 1933 im Rahmen der Mission Dakar-Djibouti gesammelt, sind hier auf Glastischen arrangiert und stehen für die nur fotografisch dokumentierte Sammlung seines Großvaters Émile, der neben seinem Beruf als französischer Gesundheitsbeamter in der Kolonie Gabun zur selben Zeit sogenannte Volkskunst zusammentrug. Was tun, so sein Thema, mit Artefakten, deren Kontext und Bedeutung in Europa kaum jemand kennt?

Moderatorin Nora Sternfeld spitzte die Frage zu: Was muss in hiesigen Museen geschehen, wenn sich auch im Westen die Idee durchsetzen soll, dass wir in einer polyzentrischen Welt leben? Darauf antworteten der Pariser Kurator Guillaume Désanges, Yvette Mutumba vom Frankfurter Weltkulturen Museum, sowie Nadine Siegert und Sam Hopkins vom Iwalewa-Haus der Universität Bayreuth mit seinen Studien zu Kulturen in Afrika. Dabei stellten die Teilnehmer aus Deutschland Modelle vor, wie sie ähnlich das Ethnologische Museum Berlin ausprobiert: Museumsleiter suchen Ideen bei Künstlern, Designern und Philosophen, die sie in die Depots und zu Think Tanks bitten. Die Gäste sollen die Objekte aus den wissenschaftlichen Schubladen befreien.

Solche Treffen bringen mitunter hochästhetische Ausstellungen hervor wie aktuell „Ware und Wissen“ am Weltkulturen Museum, die im besseren Fall Herkunft, Systematisierung und Zurschaustellung der Artefakte problematisieren, Doch damit, so räumte Mutumba ein, erreichen Ausstellungsmacher oft nur ein Spezialpublikum. Zudem werden die Arbeitsaufenthalte nicht ausgeschrieben, vielmehr berufen die Museen ihre Gastexperten. Im Zweifelsfall, merkte Siegert an, produziere man so Zirkelschlüsse.

Alternative Weltausstellung in Louvain-la-Neuve

Guillaume Désanges stellte einen radikaleren Versuch vor. Gemeinsam mit dem Künstler Michel François baute er 2013 im belgischen Louvain-la-Neuve eine Art alternative Weltausstellung auf. „ A Universal Exhibition“ zeigte in einem leeren Parkhaus Objekte aus Museumsmagazinen, Universitäten und Behörden: präparierte Tiere und Autoteile, beschlagnahmtes Zollgut, Knochen und Edelmetalle. Jedes Segment hatte ein Sujet, Handel etwa, Viren oder Katastrophen, Themen, die sich überall auf der Welt anders manifestieren.

Kulturgeschichte aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu erzählen und museale Säle konträren Perspektiven zu widmen, sei deshalb wichtig, hieß auch der abschließende Vorschlag des Podiums. Man müsse Differenzen Rechnung tragen, ohne sich vom Universalismus zu verabschieden. Nur schade, dass diese Debatte nicht im Ethnologischen Museum stattfand, wo die 8. Berlin Biennale ebenfalls gastiert.

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