Elvis Peeters "Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben" : Gegen die Wände

Hitze eines Sommers: In seinem brutalen Adoleszenzroman "Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt vor die Wand fuhr" zeichnet Elvis Peeters das Treiben einer rauchenden, trinkenden und vögelnden Clique.

Moritz Scheper
Buchcover zu Elvis Peeters' "Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr".
Buchcover zu Elvis Peeters' "Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt gegen die Wand fuhr".Foto: promo

Der Coming-of-Age-Roman ist ein eigenartiges Genre. Jungautoren vorbehalten, gießt er den ewig wiederkehrenden Krampf der stillen Initiation in unabgegriffene Sprache, buchstabiert er das verwirrende Herauswachsen aus der Kindheit in eine Gesellschaft, die so anders ist, als sie sein sollte.

Elvis Peeters’ Panorama einer achtköpfigen, von juvenilem Erfahrungshunger getriebenen Clique „Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt vor die Wand fuhr“ sendet zunächst alle Signale eines solchen Adoleszenzromans. Thomas, Liesl, Ena, Karl, Ruth, Femke, Jens und der namenlose Erzähler rauchen, trinken, vögeln, zelebrieren den Überschwang der biomechanischen Rezeptur, die der Sommer in ihnen hat aufkochen lassen.

Auf einer Autobahnbrücke heben die Mädchen voller Abscheu über den geregelten Verkehr ihre Röcke – mit tödlichem Ausgang. Was anderswo eine Wendung provozieren würde, ist für den flämischen Autor (und Rockmusiker!) nur der Auftakt zu noch mehr Katastrophen, die den Tod selbst in den inneren Kreis der acht Freunde führt. Und langsam dämmert dem Leser, dass Peeters mitnichten einen Coming-of-Age-Roman schreibt – wofür er als Mitvierziger auch wenig prädestiniert scheint. Vielmehr nutzt er dieses Genre der Grenzverschiebung lediglich als Versuchsanordnung, in der die austestenden Freunde einfach an keiner Grenze zurückprallen: „Wir lieben die Spiele, die wir spielen, warum sollten wir etwas daran ändern? Wir verschieben unsere Grenzen immer weiter. Man muss sie erreichen, um sie verschieben zu können.“ Die juvenile Experimentierfreude pervertiert ohne kathartische Momente zum kalten, wenig unschuldigen Experiment. Dadurch driftet die Entgrenzung alsbald in einen Rausch aus Amoral, dumpfem Sadismus und brutaler Gewalt.

Trotz der zum Teil schockierenden Szenen, deren schmerzhafteste wohl eine durch Fußtritte eingeleitete Fehlgeburt ist, will Peeters nicht mit Drastik provozieren. Stattdessen lässt er als eigentlichen Skandal dieses denkwürdigen Feldversuches mit literarischen Mitteln schlussendlich die gesellschaftliche Eingliederung der Clique gelingen. Und man ist wirklich erleichtert, der Generation dieses Romans noch nicht begegnet zu sein.

Elvis Peeters: Der Sommer, als wir unsere Röcke hoben und die Welt vor die Wand fuhr. Roman. Übersetzt von Meike Blatnik. Blumenbar, Berlin 2014. 208 Seiten, 16,99 €.

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