Kultur : Goethe-Institut: Unter allen Wipfeln - Eröffnung der neuen Filiale in Berlins Mitte

Clemens Wergin

Am Anfang steht der deutsche Wald. Schließlich raunte der Namenspatron etwas von der Ruhe über allen Wipfeln, so dass der Besucher im Foyer der Berliner Filiale des Goethe-Instituts von 3D-Bildern von Andrea Sunder-Plassmann empfangen wird, die der verschatteten Idylle Plastizität verleihen. Grün-rote Brillen baumeln von der Decke, für den dreidimensionalen Durchblick.

Vor einem Jahr bezog das Institut die Räume in den restaurierten Kurt-Bernd-Höfen in Berlins umtriebiger Mitte. Heute nun werden sie von Berlins Kultursenator Christoph Stölzl und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse offiziell eröffnet. Die Zentrale bleibt weiterhin in München, doch mit dem von Ulrike Hofmann geleiteten Verbindungsbüro sollen die Kontakte zu Politik und Medien verstärkt werden. Denn, so Institutsleiter Franz Xaver Augustin, "in Zeiten knapper Gelder ist es sehr negativ, wenn man im eigenen Land nicht bekannt ist".

Die Berliner Filiale setzt neben den Sprachkursen einen weiteren Schwerpunkt bei Kulturseminaren. So ist Jana Burianovà wegen der Theaterszene gekommen. In Prag arbeitet sie als Produktionsleiterin des Theaters "Komödie", nun nutzt sie ein Stipendium, um ihr Deutsch zu verbessern und sich ein Bild der Berliner Szene zu verschaffen. "Es gibt in Prag sehr viel Interesse am deutschen Theater", meint Burianovà und verweist auf das vor fünf Jahren ins Leben gerufene Prager Theaterfestival der deutschen Sprache. Der Schwede Gellert Tomas braucht Deutsch für seine Recherchen. Er dreht Dokumentarfilme fürs Fernsehen und berichtet meist aus Mittel- und Osteuropa. "Es ist sehr wichtig, in Osteuropa Deutsch zu sprechen", sagt Tomas. "Dort sprechen viel mehr Leute Deutsch als Englisch - besonders Ältere."

Die Attraktivität der Stadt macht die Goethe-Filiale zum Anziehungspunkt. Der Diplomat Richard Folland beispielsweise wird stellvertretender britischer Konsul in Düsseldorf, den sprachlichen Feinschliff holt er sich aber lieber in Berlin. "Deutschland ist die zweitwichtigste Macht der Welt", sagt Folland. Deswegen habe es ihn zur ersten Auslandsstation hierher gezogen. Einer alten Sehnsucht nach der deutschen Kultur folgte hingegen der inzwischen pensionierte japanische Redakteur Kengo Tanaka. Er hatte noch im Zweiten Weltkrieg Deutsch in der Schule gelernt. "Nach dem Krieg orientierte sich die japanische Gesellschaft nach Amerika. Im 21. Jahrhundert wird aber Europa wieder interessant", meint er.

Pro Jahr zählt das Institut in Berlin 4000 Gäste. Die meisten werden in Familien untergebracht, um den Kontakt mit Land und Leuten so intensiv wie möglich zu gestalten. "Berlin weiß gar nicht, was wir für die Stadt tun", sagt Augustin. Auch in den Goethe-Instituten in anderen Ländern biete man bis zu 60 Prozent Hauptstadt-Themen an, denn: "Der Mythos Berlin blüht im Ausland." So wird das Institut in der Neuen Schönhauser Straße mit seinen luftigen, transparenten Räumen - in denen in der Nachwendezeit die berühmte "Love WG" beheimatet war - zum Brückenkopf für den Kulturaustausch mit anderen Ländern.

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