Guggenheim-Museum : Demokratie bauen

Die Betonspirale steht noch immer selbstsicher da. Das New Yorker Guggenheim-Museum wird 50 und ehrt Frank Lloyd Wright.

Wilfried F. Schoeller
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Betonschnecke. Frank Lloyd Wrights New Yorker Guggenheim-Museum. Foto: dpa/ p-a

Er war ein halbes Jahr vor der Eröffnung seines späten Meisterwerks gestorben. Frank Lloyd Wright, der Städtehasser, der New York für eine „bösartige Wucherung“ hielt, hat Manhattan eines seiner architektonischen Wahrzeichen hinterlassen. Die legendäre weiße Aufwärtsspirale im Rechteckraster an der Fifth Avenue fehlt in keiner Architekturgeschichte. Die Rotunde im Innern wurde wegen ihrer Energie und ihrer triumphalen Selbstbehauptung zum Archetyp des Architektenmuseums, ein Narrativ sondergleichen.

Wright hat als 78-Jähriger die ersten Skizzen geliefert, seit 1943 an diesem Bau gearbeitet, mehr als 700 Zeichnungen angefertigt, 15 Jahre lang gegen den Auftraggeber, eine Wirtschaftskrise und die Schikanen der Baubehörde gekämpft. Sein Guggenheim-Museum am Central Park feiert nun Jubiläum: Vor 50 Jahren wurde es mit der Abstrakten-Sammlung des Industriellen Solomon R. Guggenheim eröffnet. Das letzte Porträt zeigt den 92-jährigen Wright, der mit Cape, langem Schal und großem Hut auf seine Baustelle blickt.

Merkwürdigerweise hat das Guggenheim seinem Erfinder eine Ausstellung gewährt. Zum Jubiläum wurde das nachgeholt. Frank Lloyd Wright ist mit einer opulenten Schau heimgekehrt in sein spätes Meisterwerk. 64 Projekte und mehr als 200 großformatige Bauskizzen sind ausgebreitet, dazu Modelle, digitale Vergegenwärtigungen, Möbel. Der riesige Bogen spannt sich von der Lebensreform bis zu den futuristischen Triumphalgesten des amerikanischen Städteplaners, wo sich Gefährte – halb Schnecke, halb Rennwagen – auf den Straßen in einer Stadt-Prärie bewegen. Er war das Architektengenie ohne eigenen Stil, aber mit einer jederzeit kenntlichen Handschrift. Er hat alle Rekorde überboten: rund 500 Häuser gebaut, rund 1000 Projekte verfolgt.

Die rund hundert Präriehäuser enthalten Wrights Vorstellung vom organischen Bauen am besten: Sie sind, wie der Gesamttitel der Ausstellung als Motto vorgibt, „vom Inneren nach außen“ gebaut. Der Raum mit seinen natürlichen, unverkleideten Materialien ist der Ursprung des Baus, das Äußere seine Konsequenz. Die Natur kommt mit ihren Materialien ins Haus. Schon 1912 verlegte Wright mit dem Bau seines Landhauses „Taliesin“ in Spring Green, Wisconsin, das Büro aufs Land. Das gleichnamige weitläufige Camp, das er in der Wüste von Arizona errichtete, diente jungen Architekten zur Schulung. Er baute „Fallingwater“, ein Haus über einem Wasserfall. In Tokio stellte er das Imperial Hotel hin, das sogar ein verheerendes Erdbeben überstand, dann aber von den Abrißbaggern kunstfeindlicher Eigner vernichtet wurde.

Gleichzeitig, das erweist die Ausstellung, bewahrte er auch die Sprungkraft des Konzeptkünstlers. Seine akkuraten Zeichnungen widmen sich oft auch hanebüchenen Projekten: Er wollte die New Yorker in einige wenige Wolkenkratzer umsiedeln und den Rest der Stadt wegsprengen. Die Nadel eines seiner Skyscraper sollte 1,6 Kilometer in den Himmel ragen. 1932 entwickelte er die Idee der Broadacre City, der Weiten Stadt. Ziel war „die Vision einer freien Stadt, die eine Nation ist, eine Stadt, die nirgends ist und überall“. Bei der gewünschten Versöhnung von Stadt und Landschaft wäre die Natur vermutlich in gewaltigen Vorgärten aufgegangen. Eine gigantische Oper für Bagdad, Synagogen, Kirchen, komplette Städte – ein unerschöpflicher Entwerfer- und Designerwille bemächtigte sich des urbanen Raums.

Walt Whitman wollte der Sänger der Demokratie sein, Wright ihr Baumeister. Seine Architektur ist in diesem Sinne Weltanschauung, aber auch angewandte Egomanie. Er verstieg sich im Alter zu der Behauptung: „Wenn ich noch 15 Jahre Zeit hätte, könnte ich dieses Land neu bauen.“ Er ist auch einer der Ahnen der Überbietungsarchitektur, die den Solitär auf Kosten des Ensembles pflegt. Und überhaupt werden die Widersprüche Wrights durch diese Ausstellung besonders sichtbar: die gestalterischen Zu- und Übergriffe, die er suchte, verraten mehr usurpatorischen Willen als Glauben an die Demokratie.

Die Betonspirale des Guggenheim-Museums mit ihrem Schwung steht hingegen noch immer so selbstsicher da, weil sie die reine Form formuliert. Die wirbelnde Rampe, der jederzeit gewährte Blick aufs Atrium, in der Höhe das Licht wie ein konstruktivistisches Auge – der Bau ist von einer bestechenden Eleganz. Und selbst die nie verstummten Einwände, das Guggenheim-Museum sei wegen der Dominanz seiner Architektur für die Präsentation von Kunst nur beschränkt verwendbar, gehören längst zur Legende.

Bis 23.8. Infos: www.guggenheim.org

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