Hör BÜCHER : Heiliger Skarabäus

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Victor Hugo nannte ihn den „Homer der Insekten“: Jean-Henri Fabre (1823–1915) widmete sein Leben der Entomologie, der Beobachtung und dem Studium der Insekten. Der erste Band seiner „Souvenirs Entomologiques“ erschien 1879, auf Deutsch erscheinen diese „Erinnerungen eines Insektenforschers“ derzeit in einer auf fünf Bände angelegten Werkausgabe bei Matthes & Seitz. Kann man aus so etwas überhaupt ein Hörbuch machen? Heiliger Skarabäus: und was für eines! Verglichen mit dem, was mir hier sonst so alles zu Ohren kommt, setzt „Der heilige Pillendreher“ (Buchfunk, 2010) Maßstäbe.

Diese feine, von Johannes Ackner besorgte Produktion beginnt äußerst unheimlich, mit einer unheimlich schönen elektronischen Musik (Robert Rehnig). Und während wir noch überlegen, ob das jetzt dem Mistkäferleben abgelauschte O-Töne sind, tauchen wir schon in eine parallele Klangwelt ein, die wir erst nach 53 Minuten wieder verlassen können.

Aber Vorsicht! Wenn wir nun derart atemlos und verzaubert unter den Kopfhörern sitzen, könnte es durchaus sein, dass aus der fernen Außenwelt interessierte Stimmen zu uns dringen: „Das muss ja diesmal ein absolut spannendes Hörbuch sein. Worum geht es denn da?“ Was soll man darauf antworten? Etwa: Ich höre gerade einen Bericht darüber, wie ein Mistkäfer aus Dung ein Kügelchen formt … („Ach so. Alles klar.“) Jedenfalls hätten wir nach solch einer Antwort wieder unsere Ruhe. Die brauchen wir auch, denn hier erfahren wir endlich einmal, wie tatsächlich aus Scheiße Gold gemacht wird. Diese Kügelchen werden in Erdhöhlen vergraben, sie dienen der Ernährung. Die alten Ägypter sahen in ihnen übrigens ein Abbild der Weltkugel.

Staunend verfolgen wir also die Schöpfungsgeschichte einer Kugel aus Mist. Allein die vielen Werkzeuge, die dabei zum Einsatz kommen! Es ist, wie Fabre schreibt, ein Technikmuseum, das sämtliche Grabegeräte enthält: Die gezähnten Vorderbeine arbeiten wie Rechen, es gibt Schaufeln, Gabeln, auch so etwas wie eine Pflugschar; die Hinterbeine des Mistkäfers sind als Drehbank ausgelegt. Als Entschädigung für ihre Drecksarbeit, mit der diese „Straßenkehrer der Natur“ (Fabre) den Erdboden reinhalten, verströmen etliche von ihnen starken Moschusduft, manche von ihnen glänzen auch wie Smaragde.

Ist die Kugel dann fertig, heißt das noch lange nicht, dass der Mistkäfer nun eine ruhige Kugel schieben kann: Gebannt verfolgt man, wie ein Skarabäus die Kugel einen Hang hinaufschiebt und immer wieder am unüberwindlichen Hindernis einer Graswurzel hängen bleibt. Es ist die Poesie der Präzision, die Fabres Text zu einem Wunderwerk macht. Und mit Gert Heidenreich, einem unserer differenziertesten Sprecher, hat man hierfür die Idealbesetzung gefunden.

Seine Stimme kann man auch bei der Lesung von Sten Nadolnys neuem Roman „Weitlings Sommerfrische“ (Osterwold, 2012) hören. Nun frage ich mich schon lange, wieso es neuerdings Mode ist, Romane und Hörbuchfassungen zeitgleich erscheinen zu lassen? Aber wenn schon: Sollte dann nicht wenigstens der Autor selbst den Vorzug haben? Nadolny ist ein exzellenter Vorleser seiner Texte. Da ich ihn vor kurzem live gehört habe, hier also nur eine kurze Stichprobe, wie Heidenreich das meistert.

„Sicher ist, dass ich im Leben ein paar grundlegende Dinge nie begriffen habe, und ich weiß nicht einmal, welche“, lautet der erste Satz. Heidenreich lässt punktgenau nach dem „habe“ die winzige Pause, die nötig ist, dass wir schon einmal anfangen zu überlegen, welche Dinge das im Einzelnen wohl gewesen sein könnten. Dann folgt, es ist ein rasches Wendemanöver wie beim Segeln, um das es in diesem Roman ja auch geht, der zweite Satzteil. Im Handumdrehen wird das Ganze zu einer Illustration von Kants Definition des Humors: die Auflösung einer großen Erwartung – in nichts! Um ein Haar streift dieser grandiose Anfangssatz übrigens auch die klassische Antinomie, wonach eine Aussage nichts über ihren eigenen Wahrheitsgehalt aussagen könne, und so stimmt sie also hervorragend auf diesen lebensklugen, äußerst raffiniert gebauten Roman ein, der elegant durch die Zeiten segelt.

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