Hör BÜCHER : Lob der Stille

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An dieser Stelle wurde bereits mit erhobenem Zeigefinger darauf hingewiesen, dass eine Hörbuchlesung gnadenlos die verborgenen Mängel eines Textes freilegen kann. Eine Hörbuchversion kann so zur öffentlichen Bloßstellung führen. Es ist schließlich im Hörbuch nicht so leicht, gnädig weiterzublättern, wenn, zum Beispiel, ein quälend sich hinziehender Dialog nichts als ein dröges Autoren-Selbstgespräch mit verteilten Stimmen ist, oder wenn eine Landschaftsbeschreibung munter all die Klischees versammelt, die einem sofort zu Regentag und Herbst einfallen könnten. Im gedruckten Buch dagegen ist die Navigation bequemer. Die Augen wandern voraus, und schon mit dem nächsten Absatz, schon auf der anderen Seite, kann das Blatt sich entscheidend wenden – und wir vergessen diskret diesen kleinen Ausrutscher.

Der Vollständigkeit halber soll nun auch einmal das Gegenteil behauptet werden: Eine Lesung kann einem Text, der in seiner Schriftform womöglich nicht viel hermacht, unversehens zu mildernden Umständen verhelfen. Plötzlich besticht er durch die Lebendigkeit seines Vortrages, und das liegt dann weniger am Text als vielmehr am Sprecher, der nicht einfach nur vorliest, sondern uns die Sache so erzählt, als würde sie ihm just in diesem Moment einfallen, weswegen wir ihm manche Ungereimtheit oder Umständlichkeit gern nachsehen. Es ist damit wie mit einem dürftigen Libretto, das niemand aus freien Stücken lesen würde, das aber „auf den Flügeln des Gesanges“ beziehungsweise mithilfe eines guten Sprechers unser Herz erreicht.

Hat nun also das Lese-Buch recht oder das Hörbuch? Schwer zu entscheiden: Es ist schon viel, wenn ein Text überhaupt, auf die eine oder andere der beiden Weisen, einen Adressaten erreicht – verglichen mit all jenen Texten, die überhaupt nicht funktionieren, auch wenn man sie in Goldschrift druckte oder als Arien sänge.

Der Musikjournalist und große Jazz-Pionier des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Joachim Ernst Berendt (1922 –2000) hat in seinem Buch „Ich höre, also bin ich“ die Wechselwirkungen zwischen Sehen und Hören untersucht. Ihm verdankt sich auch der Hinweis auf eine Untersuchung von Murray Schafer, wonach in 80 Prozent aller Fälle, in denen Worte wie „Stille“ und „Schweigen“ in der modernen Literatur auftauchten, ein negativer Kontext existierte, während die gleichen Worte zu Goethes Zeiten positiv konnotiert waren.

Die neuzeitliche Angst vor „tödlicher Stille“ scheint tatsächlich ein weitverbreitetes Phänomen zu sein. Wer schon auf dem Hotelklo und im Fahrstuhl akustisch zugemüllt wird, der mag in seinem Zimmer automatisch nach einem rettenden Knopf suchen, um sich die Stille zu vertreiben. Zeitgemäß vollgequasselt wird man in: „Sorry, wir haben die Landebahn verfehlt.“ (Der Audioverlag, 2010). Stephan Orth und Antje Blinda versammeln hier komische bis haarsträubende Cockpitdurchsagen, die von Lesern unterwegs aufgesammelt und an „Spiegel online“ geschickt wurden. Was man da zu hören bekommt, dürfte für hartgesottene Vielflieger kaum ein Problem sein; alle anderen können sich damit beruhigen, dass es bis zum nächsten Fernurlaub zum Glück noch ein bisschen hin ist. Stefan Kaminski macht aus diesen Fluganekdoten einen vielstimmigen Chor Weltreisender im Zeitalter des modernen Massentourismus.

In „Fehlfunktion. Warum Frischhaltefolie nie gerade abreißt und andere Alltagsärgernisse“ (Der Audioverlag, 2010) beschreibt Konrad Lischka, wie die Technik, die wir in Händen halten, im Grunde uns im Griff hat: Ob es verwirrend unterschiedliche Ziffernanordnungen auf diversen Tastaturen sind, die zwangsläufig zu telefonischen Fehlverbindungen führen, oder Sicherheitskinderwagen, die sich nur mit zwei freien Händen zusammenklappen lassen, wobei es zusätzlich einer in der Gegend herumstehenden Wand bedarf, gegen die der Wagen fest gedrückt werden sollte – Lischka lässt kaum eines der Ärgernisse aus, denen wir täglich ausgeliefert sind, und liefert damit einen amüsanten Überlebenstrainer für unsere hochtechnisierte Steinzeitwelt.

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