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Illegaler Kunsthandel in Syrien : Angriff auf die Seele der Nation
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Markus Hilgert, der neue Direktor des Vorderasiatischen Museums, weist darauf hin, wie sehr die instabile Situation nicht nur in Syrien den illegalen Handel beflügelt. Nach dem Geschäft mit Drogen und Waffen rangiert er weltweit mittlerweile auf Platz drei der organisierten Kriminalität. Mit verscherbelten Kunstschätzen wird Geldwäsche betrieben, wird der Terror finanziert. EU-Verordnungen, interdisziplinäre Forschung und eine engere Zusammenarbeit zwischen Museen und Strafverfolgungsbehörden können helfen, dies einzudämmen.

Das Ausmaß des illegalen Handels mit antiken Kulturgütern sei in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt, erklärt Hauptkommissarin Sylvelie Karfeld vom Bundeskriminalamt. „Jedes Ei kann man anhand einer Prüfnummer bis zur Henne zurückverfolgen – aber an einer antiken Skulptur kann man sich eben auch nicht den Magen verderben.“ Gütesiegel und Prüfstempel verstehen sich für die Kunden fast aller Produkte von selbst. Aber beim Handel mit antiker Kunst, so Karfeld, wird die Herkunft in der Regel verschleiert. Ein legales Objekt braucht eine Ausfuhrgenehmigung mit Herkunftsbezeichnung. Aber was geschieht mit den mehr als 100 000 unregistrierten Objekten aus Raubgrabungen? Dass der Handel sich lohnt, hat damit zu tun, dass solche Kulturgüter nicht rosten, ein geringes Risiko bergen und maximalen Gewinn versprechen – oft tauchen legale und illegale Objekte parallel in einer Auktion auf. Auch sind 50 Prozent aller Handelsware gefälscht.

Omaijadenmoschee Aleppo in Flammen
Unersetzlicher Schaden. Nach den schweren Kämpfen, bei denen im Oktober 2012 bereits die Omaijadenmoschee in Aleppo teilweise in Brand geraten war, ist sie im April endgültig schwer zerstört worden. Das obere Foto zeigt das Minarett der Moschee, die von größter Bedeutung für die srische Architekturgeschichte ist, noch relativ unversehrt. Am 24. April 2013 wurde das reich verzierte Minarett dann bei den Kämpfen gesprengt. Die Moschee gehört zum Weltkulturerbe der UNESCO.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: AFP
16.10.2012 13:22Unersetzlicher Schaden. Nach den schweren Kämpfen, bei denen im Oktober 2012 bereits die Omaijadenmoschee in Aleppo teilweise in...

Warum, insistiert Karfeld, forschen Kunsthändler nicht nach der Herkunft ihrer Ware? Warum werden diffuse Herkunftsbezeichnungen wie „Mesopotamien“ akzeptiert, mit denen die Verbote für irakische und syrische Kulturgüter umgangen werden? Solange gekauft wird, wird auch geplündert: Die Kriminalexpertin begrüßt die EU-Richtlinie 1332/2013 über „restriktive Maßnahmen angesichts der Lage in Syrien“ als ersten Schritt, den illegalen Handel einzudämmen.

„Wir sind erst am Anfang“, sagt auch France Demarais von der Pariser ICOM-Zentrale. Immerhin konnten bereits mehr als 1500 Objekte an das Nationalmuseum in Kabul zurückgegeben werden, weil die Rote Liste für Afghanistan und Pakistan am Londoner Flughafen Heathrow konsequent eingesetzt wird. Man hofft auf die langfristige Wirkung der Listen.

Was denn mit den Käufern sei, wollte Hartmut Kühne von der Freien Universität wissen. Er leitet die Berliner Grabung von Tell Schech Hamad, dem antiken Dur-Katlimmu am Flussabschnitt des Unteren Habur. Gerüchten zufolge wollten die Golfstaaten sich mit solchen Objekten ihre Sammlungen verschönern. „Ohne Käufer kein Markt“, betont auch Demarais, aber man wolle den Markt nicht angreifen. Ein Markt, der in Syrien offiziell gar nicht existiert: Schon vor dem Krieg war der Handel mit Kulturgütern dort verboten. Jedes Objekt, das auf dem internationalen Markt auftaucht, ist also illegal. „Kulturgüter sind Objekte der Reichen“, erklärt Hauptkommissarin Karfeld. „Das deutsche Kulturgutgesetz von 2008 schützt nicht das Kulturgut, sondern den Handel. Solange Kulturguthandel cool ist, ist es eben so.“

Auch das deutsche Gesetz zum Schutz der Kulturgüter wird gerade novelliert. Kulturstaatsministerin Monika Grütters betont, Deutschland stehe zu seiner völkerrechtlichen Verantwortung, gegen den illegalen Handel mit Kulturgut vorzugehen. Den Entwurf eines neuen Gesetzes will sie Anfang 2015 vorlegen. „Das Ziel ist, sowohl illegal ausgeführtes Kulturgut anderer Staaten konsequenter als bisher an diese zurückzugeben als auch deutsches Kulturgut besser vor Abwanderung ins Ausland zu schützen.“

Man darf gespannt sein, ob darin auch eine Aufzeichnungspflicht der Händler mit Papieren und Ausfuhrgenehmigungen aufgenommen wird. Denn eine antike Skulptur sollte in Deutschland genauso zurückzuverfolgen sein wie das nummerierte Ei der Henne.

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