Jonathan Bragdon-Ausstellung : Hand aufs Hirn

Er war auf dem besten Weg zu einer Wissenschaftlerkarriere, dann wurde Jonathan Bragdon Maler. Seitdem denkt er mit Auge und Hand über die Natur nach. Die Galerie Aurel Scheibler zeigt seine Werke.

La La Landschaft. Bragdons „Unfolding Landscape“ (1978).
La La Landschaft. Bragdons „Unfolding Landscape“ (1978).Foto: Galerie Aurel Scheibler

Was ist Wirklichkeit und wie ist die Welt beschaffen? Wer solche Fragen stellt, der wird im Vertrauen auf Objektivität an die Tür der Wissenschaft klopfen. Der Kunst schenkt man da weniger Vertrauen, steht sie doch für das Subjektive, die individuelle Sicht auf die Welt. Doch Jonathan Bragdon, Jahrgang 1944, gelangte früh zu der Erkenntnis, dass Wissenschaft allein nicht genügt. Auf bestem Wege zu einer wissenschaftlichen Karriere kam er 1961 eher zufällig ins Pariser Museum Jeu de Paume. Die ausgestellten Werke der Impressionisten machten ihm schlagartig bewusst, da gibt es noch mehr.

Etwas später begegnete Bragdon dem Werk Paul Klees, dessen Gemälde und Zeichnungen ihn stark inspirierten. In der retrospektiv angelegten Schau der Galerie Aurel Scheibler findet sich ein Belegstück dieser frühen Phase. Es zeigt die Künstlerin Elsa Stansfield, die Bragdon auch in Kontakt mit den Beatles brachte. Beschwingt wirkt ihre Haltung, umgeben von kleinen Spiralen, die sie umkreisen. Nicht weniger psychedelisch muten zwei Landschaften von 1978 an (je 5400 Euro). Intensivfarbige Sonnenstrahlen, Ackerfurchen und Wolkenbänder illustrieren jedoch keinen Trip. Es sind Resultate eines Denkprozesses über Natur nicht mit dem Hirn, sondern mit Auge und Hand. Bragdon zitiert gern den Mitbegründer des Pragmatismus, Charles S. Peirce. Der sagte von sich, er dächte mit der Hand, wenn er unter Verwendung von Diagrammen und Zeichnungen mathematische oder philosophische Probleme löste. Das klingt etwas gewagt. Aber sucht man den Nachweis für dieses Konzept, wird man bei Bragdon fündig.

Seine Bleistiftzeichnungen von Landschaften im Panoramaformat entstehen seit circa zehn Jahren. Aus den unterschiedlich kräftigen Linien wachsen detaillierte Wolken, Berge, Seen und Pflanzen. Die komplexen Strukturen vermitteln anschaulich die Minuten und Stunden ihres Entstehens (je 4000 Euro). Das Auge tastet sich an den Linien und Punkten durch das Bild wie auf einer Wanderung. Und es sind immer wieder neue Strukturen, die beim Vergleich der Bilder in Erstaunen über die Vielfalt der Möglichkeiten der Darstellung versetzen.

Galerie Aurel Scheibler, Schöneberger Ufer 71, bis 18. März, Di-Sa 11-18 Uhr.

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