Jurjews KLASSIKER : Die Rechte der Anderen

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In der russischen Literaturgeschichte gibt es zwei bedeutende Autoren, die aus einer nicht standesgemäßen Beziehung zwischen einem reichen Adligen und einer als Konkubine nach Russland gebrachten Deutschen hervorgingen. Der eine war der Lyriker Afanassij Fet (eigentlich Foeth, 1820–1892), der andere war der vor 200 Jahren geborene Publizist und Philsoph Alexander Herzen. Ihre Lebenswege könnten indes nicht unterschiedlicher sein. Fet kämpfte sein Leben lang darum, den väterlichen Namen Schenschin und den Adelsstatus zu bekommen, was ihm am Ende auch glückte. Er heiratete reich, kaufte Güter, übersetzte Schopenhauer, pflegte die Freundschaft mit seinem Gutsnachbarn Tolstoi und versuchte, als er alt und krank wurde, vergeblich sich mit einem Tafelmesser das Leben zu nehmen. Er starb unmittelbar danach an Herzversagen.

Alexander Herzen dagegen wurde von seinem leiblichen Vater Jakowlew, einem reichen Gutsbesitzer, der in Moskau wohnte und mit dem ganzen russischen Adel inklusive der Romanows verwandt und verschwägert war, als Sohn und Erbe anerkannt und auch so behandelt, obwohl die Eltern nicht verheiratet waren. Herzen („Der Sohn des Herzens“, war bei der Namensgebung gemeint) genoss die beste Privatbildung, sprach mehrere Sprachen und konnte in Moskau Physik und Mathematik studieren (Abschluss 1833, Silbermedaille in Astronomie). Er war vielseitig begabt: Durch philosophische Abhandlungen, Literaturkritiken und Belletristik unter dem Pseudonym Iskander machte er sich früh einen Namen. Doch am meisten interessierte er sich für den Freiheitskampf. Noch als halbes Kind, nach der Zerschlagung des Dezemberaufstandes von 1825, schwor er, zusammen mit seinem Freund Ogarjow, die fünf gehängten Dekabristen zu rächen.

1834 wurde er wegen radikalen Geredes verhaftet und in den Norden verbannt - nach Perm, dann nach Wjatka. Verbannt bedeutet in diesem Fall: Er wurde in den Staatsdienst zwangsaufgenommen und diente als Beamter in der Geschäftsstelle des Gouverneurs. Aufgrund der Einflussnahme des Dichters Schukowsky wurde er später nach Wladimir in Zentralrussland versetzt, brachte heimlich seine Braut aus Moskau dorthin und heiratete sie. Später schrieb er, diese Jahre seien die glücklichsten seines Lebens gewesen. 1844 durfte er nach Moskau zurück. Nach dem Tod seines Vaters, der ihn zu einem reichen Mann machte, ging Herzen samt Familie zunächst nach Paris (1847), später in die Schweiz.

Bald gehörte er zur Hautevolee der Revolution. Dank seinen Talenten, aber auch dank seinem Geld. Dem Anarchisten Proudhon beispielsweise finanzierte er die Zeitung „La Voix du Peuple“. Zu Karl Marx hingegen entwickelte er eine auf Gegenseitigkeit beruhende Abneigung: Er hielt ihn für einen kleinen Möchtegern-Diktator, während Marx die Russen im Allgemeinen und Herzen im Besonderen nicht leiden konnte.

1852 siedelte Herzen nach London über und gründete die „Freie Russische Presse“, mit deren Erzeugnissen, vor allem dem Almanach „Der Nordstern“ (mit Profilen der gehängten Dekabristen auf dem Cover, der Kinderschwur war nicht vergessen worden!) und der Zeitung „Kolokol“ (Die Glocke), er in Russland unglaublich einflussreich wurde.

Sogar der Zar, dem er dreist ein Abonnement schenkte, las „Kolokol“, die Regierung hatte Angst vor den „Londoner Agitatoren“. So ging es bis zum polnischen Aufstand 1863: Die Position zugunsten der Polen konnte die russische Gesellschaft nicht hinnehmen. Die Auflagen des „Kolokol“ sanken gewaltig.

1865 wurde dem Druck Russlands nachgegeben, Herzen musste London verlassen. Er lebte überwiegend in Genf, verbittert, bedeutungslos, von persönlichen Tragödien verfolgt. 1870 starb er in Paris. Sein „Vergangenes und Gedachtes“ gehört in Russland zum Schulkanon und ist ein (stellenweise) lesenswertes Buch, das jeder zur Hand nehmen muss, der entschlüsseln will, warum Menschen wie Herzen, privilegiert, reich, gebildet, alles daran setzten, eine Gesellschaftsordnung zu zerstören, die ihnen ihre Privilegien garantierte. Warum man im Westen für eigene Rechte kämpft, und in Russland immer für die Rechte der Anderen.

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