Jurjews KLASSIKER : Genie und Ekel

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In „Mozart und Salieri“, einem Einakter des russischen Allzweckklassikers Puschkin von 1830, fragt Salieri, ob „Genialität mit Verbrechen vereinbar wäre“, ob also ein Genius auch Missetaten begehen kann. Nach den Erfahrungen der letzten hundert Jahre würden wir uns wahrscheinlich mit der salierischen Frage nicht mehr beschäftigen: Theoretisch können auch Genies jede Tat begehen, zum Beispiel Mozart vergiften.

Es gibt aber eine verwandte Frage, die mich noch immer stört, obwohl sie von der Geschichte noch deutlicher beantwortet wurde: Kann ein Genie eine verachtenswerte Kreatur sein? Ein kleiner Wicht, ein hasserfüllter Kleinbürger, Judenhasser und Nazikollaborateur? Die Antwort auf diese Frage kennen wir, weil wir Louis-Ferdinand Céline kennen, den großen französischen Dichter.

Geboren 1894 als Louis-Ferdinand Destouches in einfachen Verhältnissen, ging er 1912, nach einigen gescheiterten Versuchen, einen Beruf zu erlernen, zur Armee. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Freiwilliger teil und wurde gleich im Herbst 1914 verwundet und zum Helden nationaler Bedeutung erklärt. Das half ihm später beim Finden von exotischen Jobs (beispielsweise als reisender Aufklärer in Sachen Tuberkulose im Auftrag der Rockefeller-Stiftung) und ab 1918 beim Medizinstudium, das er mit einer Doktorarbeit, die sich eher als antisemitisches Pamphlet gegen den Hygiene-Erfinder Ignaz Semmelweis las, absolvierte.

Weltruhm brachte Céline sein erster Roman „Reise ans Ende der Nacht“, an dem er 1928 bis 1932 geschrieben hatte. Dieser Ruhm führte ihn 1936 nach Moskau, wo die Kommunisten ihn aber nicht genug ehrten, weshalb er ihnen mit einer Schmähschrift den Rücken kehrte, später nach Nazideutschland, das er 1944/45 auf einer obskuren Wanderung durchreiste. Nach Kriegsende kam Dänemark, wo er inhaftiert wartete, bis seine Todesstrafe in Frankreich (für Verrat und Kollaboration) aufgehoben wurde, was 1950 geschah. Dann, bis zu seinem Tod 1961, zehn Jahre Dasein als verbitterter Menschenhasser, unbelehrbarer Altnazi und zynischer Beschreiber des eigenen Lebens und der europäischen Geschichte. Nichts hat er zurückgenommen, nichts bereut, das belegen seine Schriften und seine 2009 veröffentlichten Briefe.

Ich glaube, dass wir es hier, besonders in Célines erstem Roman, mit dem wirklichen Helden des 20. Jahrhunderts zu tun haben, in seiner Selbstartikulation. Zur Verdeutlichung könnte man den unsympathischen Ferdinand Bardamu, den Erzähler aus der „Reise“, mit dem sympathischen Josef Schwejk aus dem Buch von Jaroslaw Hašek vergleichen: derselbe Typ Mensch, der auf halbem Wege stecken gebliebene Aufsteiger aus dem Volke, ein Schurke und Spießer zugleich, der im warmen und schleimigen, gemütlich stinkenden Leib der fortschrittsgläubigen Utopie des „Siegreichen Verstandes“ und „Ewigen Friedens“ ausgetragen wurde – der Utopie der beiden europäischen Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg.

Der sanguinische Kommunist Hašek beschreibt ihn von außen. Wir lachen; der cholerische Faschist Céline zeigt ihn von innen. Wir finden ihn ekelhaft. Der Unterschied aber liegt im Grunde nicht in den verschiedenen Temperamenten, sondern im Abstand zwischen der ersten und der dritten Person der Erzählung.

Interessant, dass auch die Fabel der Bücher, gerade in den ersten Teilen, praktisch übereinstimmt: der Anfang des Krieges, die unbewusste Ansteckung mit dem Jubel der Massen, die freiwillige Meldung zum Militär, die instinktive Ernüchterung, der Versuch zu kneifen. Es wäre gut, beide Romane zu einem Buch zu binden – von den beiden Seiten aufeinander zulaufend als „Wendebuch“; „Der brave Soldat Schwejk am Ende der Nacht“.

Dieser Typ Mensch war der Nährboden beider totalitärer Utopien des 20. Jahrhunderts und deren Massentäter (und -opfer). Céline ist der erste und wohl der einzige, der ihm erlaubte, sich vollständig auszusprechen, im Zusammenspiel seiner Triebe, Ressentiments und Weltbilder. Deshalb bleibt Louis-Ferdinand Céline für immer einer der wichtigsten europäischen Schriftsteller, egal was für ein Mensch er sein mochte: ein Spiegel, in dem der Europäer die Gräuel sehen kann, die in ihm stecken.

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