Jurjews KLASSIKER : Nutzen kommt vor Schönheit

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Vor einigen Jahren verbrachten meine Frau und ich Ferien in der Provence. Eine Freundin hatte uns ihr altes Haus mit Blick auf den Mont Ventoux für zwei Wochen überlassen. Ich saß den ganzen Tag lang auf dem Balkon, schaute von Zeit zu Zeit auf den Berg, den Petrarca im April 1336 zur reinen Erhebung der Seele bestiegen haben will, und las Iwan Turgenjew, dessen ausgewählte Werke ich in der kleinen russischen Bibliothek des Hauses fand.

Ich las ihn in solchem Umfang zum ersten Mal, seit ich jung war, und erstaunlicherweise hatte ich denselben Eindruck: Es gibt keinen überschätzteren russischen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Nicht, dass er schlecht wäre, besonders seine frühen Prosawerke haben etwas, wohingegen seine Gedichte immer furchtbar waren – vielleicht mit Ausnahme einiger Liedtexte wie „Der Morgen, der neblige, der Morgen, der graue ...“.

Auch die „Aufzeichnungen eines Jägers“ (1852) lassen sich gut lesen, sie vermitteln poetische Bilder von der Natur Mittelrusslands und seiner Menschentypen. Die Erzählungen, mit denen Turgenjew jedoch später die „Aufzeichnungen“ ergänzte, sind flach. Weniger, weil er sie aus der Ferne schrieb (der Großteil der frühen „Aufzeichnungen“ entstand 1850/52 in Deutschland), sondern weil er eine progressive Theorie des russischen Landlebens und der ganzen Welt erworben hatte, die er mit Fleiß und heißem Bemühen auf alles anwendete, was er sich vornahm.

Eine universale Theorie macht das Schreiben leichter, doch dem Text tut sie nur selten gut. Man könnte auch – Gott, verzeih mir! – über den nützlichen Einfluss der Zensur sprechen, die sowohl im zaristischen Russland wie in der Sowjetunion Autoren durch die Notwendigkeit, politische Aussagen umzugehen, zu großen künstlerischen Leistungen zwang. Wie oft ergibt sich ein katastrophaler Druckablass, unter dem gerade gute Autoren leiden.

Die Grenze in Turgenjews Schaffen verläuft wahrscheinlich durch den Roman „Väter und Söhne“ (1861), der seiner Idee nach, alte und neue Oppositionelle gegenüberzustellen, etwas naiv ist, aber stellenweise mit hellen Momenten und schönen Sätzen aufwartet. Der „neue Mensch“, der „Nihilist“ Basarow, der angeblich Georg Büchners jüngerem Bruder Ludwig, dem berühmten Positivisten, nachempfunden wurde, kommt zu den „alten Menschen“: Er wird von seinem Studienfreund Arkady Kirsanow auf das Landgut von dessen Vater eingeladen. Er präpariert Frösche, schockiert edle Herren mit Sprüchen über den Vorrang des Nutzens vor der Schönheit und verliebt sich, wie kein Nihilist es schaffen sollte, in eine schöne Gutsbesitzerin, bekommt eine Abfuhr, leidet wie ein Hund und stirbt durch eine Blutvergiftung.

Lustigerweise hatte sich Turgenjew zur Zeit der Fertigstellung des Romans mit dem Hauptorgan der „Progressiven“, dem „Sowremennik“ und seinem Redakteur Nekrassow verkracht. Er wurde von den ehemaligen Freunden der Diffamierung der Jugend bezichtigt, was natürlich Quatsch ist: Eine leicht ironische Tonlage in Bezug auf Basarow könnte man erkennen, wenn man sie denn unbedingt erkennen will, aber nicht mehr.

Der Roman hatte grandiosen Erfolg bei eben jener „diffamierten“ Jugend, die sich in der Rolle eines coolen Froschsezierers und Sprücheklopfers gefiel und gern die Rolle von „Nihilisten“ übernahm. Dieser Triumph zeigte Turgenjew für immer den falschen Weg. Seine nachfolgenden Romane „Rauch“ und „Neues Land“ biedern sich einfach dieser Jugend an. Dafür wurde er als Messias empfangen, als er nach Russland kam, um ein Wäldchen oder Wieschen zu verkaufen: Das Lebensniveau in seinem komplizierten Familienleben mit der Sängerin Pauline Viardot, ihrem Mann, ihren Kindern und Turgenjews unehelicher Tochter musste gehalten werden.

Das Gesagte bedeutet überhaupt nicht, dass ich Menschen von Turgenjew fernhalten will. Im Gegenteil: Lesen Sie zum Beispiel „Väter und Söhne“, in der Büchergilde-Übersetzung von Annelore Nitzschke und mit Illustrationen von Matthias Beckmann. Sie ist nicht nur eine unterhaltsame Lektüre, sondern auch ein bibliophiles Ereignis.

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