KUNST Stücke : Vielfarben

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Eigentlich müsste der Fortbildungstourismus einen Aufschwung erleben. Immerhin zählt Berlin einige hundert Galerien, und nach nur eineinhalb Stunden Flugzeit hätte zumindest ein Teil davon jüngst in Wien sehen können, was zu Hause fehlt: ein stadtübergreifendes Ausstellungsprojekt der wichtigsten Galeristen, ausgestattet mit beträchtlicher kommunaler Förderung, das sich mit der lokalen Kunstmesse solidarisiert und großzügig für Einflüsse von außen öffnet. Dabei fing das Projekt vor fünf Jahren mit einem Geburtsfehler an. Damals kuratierte man eine Gruppenschau generalstabsmäßig, statt die Galerien als intime Erfahrungsräume zu nutzen. Doch sowohl die verantwortliche Kreativagentur als auch die Galerien haben daraus gelernt und ihr Projekt verfeinert, statt es sogleich zu zerreden. So hat sich „Curated by“ zu einem Patchwork aus 20 Galerien und ebenso vielen internationalen Kuratoren entwickelt und in diesem Jahr selbst übertroffen.

Wie konzeptuell ist Malerei, wie autonom? Wie eigenständig ist ihre Sprache, wie erzählerisch, wollten Yve-Alain Bois, Jan Verwoert, Bart van der Heide, Lina Džuverovic und 16 andere Kuratoren wissen und luden dafür auch galeriefremde Positionen ein. So entstand ein kontroverses, plurales Gewebe als Gegenentwurf zur massentauglich beschleunigten Großausstellung. Wenn etwa Verwoert die Galerie Martin Janda in ein literarisches Küchenkabinett verwandelte, in dem Malen nicht als erhabenes Genietheater, sondern als leiser, sozusagen familieninterner Dialog zwischen Malern verstanden wurde, erschien Innenansicht als wirkliche Deutungsalternative zum Starsystem der Ausstellungshäuser.

Kuratorische Thesen, das machte „Curated by“ so bestechend, wurden an die Künstler zurückdelegiert. So untersuchte Gürsoy Dogtas in einer der elegantesten Ausstellungen des Projekts die Malerei wie ein modegeschichtlich wandelbares Textil, an dem gesellschaftliche Ideologien ebenso wie Selbstdarstellungsabsichten ablesbar sind. „Das Kleid sitzt nicht“, hieß die intelligente Ausstellung in der Charim Galerie, und die Passformverweigerung erschien wie das eigentliche Wesen der Malerei. Trotz wohltuend ungeglätteter Ausstellungen wie des schrillen Kaleidoskop-Projekts des kuratierenden Künstlers Ei Arakawa bei Meyer Kainer sprachen die Ausstellungsmacher eine eher leise Sprache, zum Beispiel wenn Yves-Alain Bois in der Galerie Hubert Winter die Skulpturen Fred Sandbacks und die Malerei Martin Barrés zu einem großen, begehbaren Bild zusammenfügte.

Wer von hier zur Galerie nächst St. Stephan wanderte, wo Miguel Wandschneider das Kunststück gelang, die aufrührerisch stillen Leinwände des betagten Walter Swennen als Widerstandselemente gegen alle Thesen, schnellen sprachlichen Umschreibungen und betriebsamen Aneignungen zu hängen, ist katapultiert aus der Welt der Audioguides und Marketingshows. Dass „Curated by“ dabei in reflektierter Zurückhaltung bestand, hat die Malerei nur sichtbarer gemacht.

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