19. Jahrhundert : Blaupause der Krise

Ein epochales Panorama: Das 19. Jahrhundert ist für Jürgen Osterhammel die Ära einer frühen Globalisierung.

Christian Schröder

Das 19. Jahrhundert hatte lange keinen guten Ruf. Hannah Arendt machte es schon 1955 in ihrer Studie „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ für die Katastrophen des folgenden Säkulums verantwortlich. Die in der Industrialisierung entfesselten Kräfte und die gleichzeitig emporlodernden Ausgrenzungsideen des Nationalismus, Rassismus und Kommunismus hatten, so schien es, zu den Vernichtungslagern von Auschwitz und des Archipel Gulag geführt. Noch 1995 sah Hans-Ulrich Wehler im dritten Band seiner „Deutschen Gesellschaftsgeschichte“ im „Janusgesicht von Moderne und Tradition“, der Kluft zwischen der beschleunigten sozialökonomischen Entwicklung und einem erstarrten politischen Ordnungsgefüge, die Ursache für einen „neuen Dreißigjährigen Krieg“ nach 1914.

Dabei lässt sich eigentlich erst jetzt – mit dieser überraschenden These beginnt Jürgen Osterhammels so scharfsichtiges wie schwergewichtiges Buch über „Die Verwandlung der Welt“ – ein annähernd objektives Urteil über das 19. Jahrhundert fällen. Das Zeitalter stand auch deshalb so lange im Schatten seiner Zukunft, weil die Deuter noch selber in die damals begonnenen Kämpfe verstrickt waren. Seitdem die Zeitzeugen von der Bühne abgetreten sind, ist auch der Pulverdampf der ideologischen Auseinandersetzungen abgezogen. Niemand lebt mehr, der sich noch an den chinesischen Boxeraufstand von 1900 oder an den Burenkrieg von 1899 bis 1902 erinnern könnte. Selbst die Schildkröte Harriet, die 1835 auf den Galapagosinseln den jungen Charles Darwin kennengelernt hatte, ist 2006 in einem australischen Zoo gestorben.

Osterhammel, Neuzeithistoriker an der Universität Konstanz, referiert in seiner gewaltigen, mit Anhang fast 1600 Seiten umfassenden Monographie durchaus die zeitgeschichtlichen Debatten, erlaubt sich aber auch den Luxus, gewissermaßen mit den staunenden Augen eines Entdeckers auf einen bislang unbekannten Kontinent zu blicken. Und die Epoche, deren Umrisse sich mosaikartig aus Jahre und Kontinente überspannenden Einzeluntersuchungen zu Themen wie Mobilität und Stadtentwicklung, Gesundheitsvorsorge und Sterblichkeit, Energiegewinnung und Kapitalismus ergeben, wirkt auf einmal – voilà! – weniger reaktionär, unfrei und gewalttätig als gedacht.

Zwar brach mit dem 19. Jahrhundert nicht das von Kant erhoffte Reich des „ewigen Friedens“ an, doch zumindest in Europa begann nach den napoleonischen Kriegen mit dem System eines labilen Gleichgewichts zwischen den Großmächten Frankreich, Großbritannien, Österreich, Russland und Preußen eine Zeit der relativen Sicherheit. Zwischen 1815 und dem Beginn des Krimkrieges 1853 wurde zwischen diesen Staaten überhaupt kein Krieg geführt. Die großen Gewaltexzesse fanden außerhalb Europas statt, in China, den Vereinigten Staaten oder Nordafrika, wo Bürgerkriege und koloniale Eroberungsfeldzüge hunderttausende Opfer forderten.

Osterhammel folgt keinem strengen Kalendarium, er untersucht – im Sinne eines „langen“ 19. Jahrhunderts vom Beginn der Französischen Revolution 1789 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 – die größeren Zeitlinien. Für ihn ist diese Epoche bei allen Widersprüchen eine Zeit des Fortschritts und der Emanzipation, sogar in einem fast Kant’schen Sinne ein Befreiungsjahrhundert „der Auflehnung gegen Zwangsverhältnisse und Entmündigungen“.

Der Fortschritt zeigt sich etwa im Gewinn von Lebenszeit. Lag die durchschnittliche Lebenserwartung der Weltbevölkerung um 1800 noch bei höchstens 30 Jahren, erreichte sie um 1900 in Westeuropa und den USA bereits 48 Jahre. Dabei war die Moderne anfangs noch höchst ungesund, die Industrielle Revolution führte vor allem in den Städten zu Kollateralschäden, wo die Menschen an der Verschmutzung von Luft und Gewässern durch die Fabriken zu leiden hatten. In der Themse von London hatte man um 1800 noch Lachse fischen können, zur Jahrhundertmitte wurde sie nur noch „the Great Stink“ genannt. Als 1858 der Gestank des Flusses so unerträglich geworden war, dass das House of Commons mit in Kalkchlorid getränkten Laken verhängt werden musste, wurde der Bau eines unterirdischen Kanalisationssystems beschlossen, das für Städte wie Berlin und Shanghai Vorbildcharakter erlangte.

Osterhammels Buch steckt voller solcher Anekdoten, verliert sich aber nie darin. Dass die Etablierung der ersten Restaurants in Paris ab etwa 1800 den guten Geschmack demokratisierte, mag wie eine Fußnote der Kulturgeschichte anmuten. In Wirklichkeit äußern sich darin gewaltige soziale Umwälzungen. Denn die Französische Revolution hatte nicht nur den König geköpft, sondern auch die Privatköche der enteigneten und geflohenen Adligen arbeitslos gemacht. Und am Ende eines Großkapitels, in dem er die stetig wachsenden, teilweise transkontinentalen Menschenströme von Migranten, Sklaven und Deportierten geschildert hat, kommt Osterhammel noch auf den buddhistischen Meister Xuyun zu sprechen. Er machte sich 1882 auf den Weg zu einem Heiligtum in der chinesischen Provinz Shandong, und da er sich alle drei Schritte auf den Boden warf, benötigte er für anderthalbtausend Kilometer zwei Jahre. Das 19. Jahrhundert war die Epoche einer sprunghaft sich entwickelnden Mobilität, und dazu leistete auch der chinesische Mönch seinen Beitrag.

Ein Mensch des Jahres 1800 hätte wahrscheinlich Mühe gehabt, sich in der radikal veränderten Welt von 1900 mit ihren Fabrikschloten, dem lärmenden Autoverkehr und ersten Kinos zurechtzufinden. Hundert Jahre später wirkt der Vergleich mit diesem Fin de Siècle für uns wie ein Blick in einen fernen, nur leicht verzerrten Spiegel. Die Welt, so Osterhammels Hauptthese, war damals bereits durchglobalisiert. Die Warenströme flossen über die gesamte Weltkugel, Eisenbahnen und Telegraphen hatten Netze gespannt, in denen Menschen und Nachrichten in kürzester Zeit von A nach B gelangen konnten. Das Sinnbild dieser Entwicklung erkennt Osterhammel in der Oper, „der Kunstform des 19. Jahrhunderts“, die von Paris aus ihren globalen Siegeszug antrat. In San Francisco, damals einer Stadt mit 60 000 Einwohnern, wurden 1860 217 000 Opernkarten verkauft. Ihren Höhepunkt erreichte die Operamania aber im brasilianischen Manaus, wo Kautschukbarone – wir erinnern uns an die Bilder aus dem Herzog-Film „Fitzcarraldo“ – 1891 im Amazonasdschungel ein Opernhaus errichten ließen.

„Eine allgemeine Weltgeschichte ist notwendig, aber unmöglich; bei dem Stande der Forschung, wie sie heute getrieben wird“, hat Leopold von Ranke 1869 konstatiert. Seither ist die historische Forschung in immer kleinere Spezialgebiete zersplittert. Osterhammel fügt die Splitter wieder zusammen und synthetisiert aus den Ergebnissen der Einzelforschungen noch einmal eine „allgemeine Weltgeschichte“. Sein glänzend erzähltes Epochenpanorama ist beinahe schon selbst epochal.

Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C. H. Beck, München 2009. 1568 Seiten, 49,90 Euro.

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