Literatur : Adel erschwindelt

Hilary Spurlings Buch über „La Grande Thérèse“

Nico Bleutge

Es gibt Skandale, die die Lebenslügen einer Gesellschaft so sehr bloßlegen, dass schon ein paar Jahre später überhaupt niemand mehr etwas davon weiß. Auf einen solchen Skandal ist die englische Henri-Matisse-Biografin Hilary Spurling gestoßen, als sie auch ein Buch über die Ehefrau des französischen Malers schreiben wollte.

Es ist die Geschichte von Thérèse Humbert, einer Bauerntochter aus Toulouse, die sich und ihrer Familie mit fantastischen Lügenkonstrukten über Erbschaften aus Amerika in der Pariser Gesellschaft um das Jahr 1900 herum so geschickt immer höhere Kredite erschwindelte, bis sie als prominente „Grande Thérèse“ über Schlösser und Ländereien verfügte, die französische Hautevolee ihr zu Füßen lag und einflussreiche Freunde in Politik und Recht ihr gegen alle Gläubiger zur Seite standen.

1904 flog der Schwindel auf und führte in Frankreich zu einer kleinen Staatskrise. Die große Thérèse musste ins Gefängnis, doch mühte man sich nach dem Prozess nach Kräften, sie und ihr schwindlerisches Tun so schnell wie möglich zu vergessen. Was zuerst wie ein amüsantes Schurkenstück aus dem fin de siécle erscheint, hat dabei auch sehr finstere Qualitäten: Über die Zahl der vielen ruinierten Gläubiger beispielsweise, die sich in ihrer Verzweiflung umbrachten, führte die große Thérèse überaus stolz eine geheime „Selbstmordliste“.

Hilary Spurlings Buch liest sich deshalb nicht nur wie eine großbürgerliche Kriminalgeschichte, sondern auch wie ein elisabethanisches Drama à la „Macbeth“ – bloß dass die unrechtmäßigen Schlossherren hier nicht von ihrem Königsmord eingeholt werden, sondern von einem ungedeckten Scheck. Ein viel besseres Beispiel für den Übergang vom Blutadel zum Geldadel, der als Fortschritt gilt, lässt sich insofern kaum finden. Nico Bleutge

Hilary Spurling: La Grande Thérèse. Die Geschichte eines Jahrhundertschwindels. Aus dem Englischen von Matthias Wolf. Berenberg Verlag, Berlin 2007. 104 S., 19 €

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