Afghanistan : Heuchelei zum Hindukusch

Stefan Kornelius erklärt, warum der Krieg in Afghanistan nötig ist – aber falsch geführt wird.

Michael Schmidt
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Hamid Karsai -Foto: dpa

Barack Obama hat alles richtig gemacht. Der US-Präsident hat sich vom Irakkrieg ab- und dem Afghanistaneinsatz zugewandt. Er hat die Lage am Hindukusch analysiert, mit US-Kommandeuren und Nato-Verbündeten erörtert, wie sie ist, wie sie sein sollte – und was zu tun sei, um ein stabiles und sicheres Afghanistan zu schaffen. Das Ergebnis sind zwei Forderungen und ein Fünf-Punkte-Programm. Die Forderungen: weniger Heuchelei über das gewaltige Ausmaß der Aufgabe und mehr Anstrengungen aller Verbündeten. Das Programm: Verdoppelung der US-Truppen. Ausweitung der Ausbildung afghanischer Soldaten und Polizisten. Verstärkung des zivilen Wiederaufbaus. Gespräche mit moderaten Taliban, um einzelne Gruppen aus dem Widerstand herauszubrechen. Und Ausweitung des Kampfes nach Pakistan, das Rückzugsgebiet aufständischer Radikalislamisten, das Obama als den eigentlichen Kriegsherd ausgemacht hat.

Eine solche strategische Generalinventur wünschte sich Stefan Kornelius auch in Deutschland. Im achten Jahr des Einsatzes, schreibt der außenpolitische Ressortleiter der „Süddeutschen Zeitung“, zeige sich stärker denn je, „dass Politik und Öffentlichkeit in Deutschland nicht mehr Schritt halten mit der Dynamik in Afghanistan“. In seinem 100-Seiten-Essay unter dem Titel „Der unerklärte Krieg. Deutschlands Selbstbetrug in Afghanistan“ stellt er der Bundesregierung ein denkbar schlechtes Zeugnis aus: „Die Verdruckstheit, die den Einsatz von Beginn an begleitet, hat sich zu einem Knäuel von Widersprüchen, politischen Halbwahrheiten und militärischem Unfug verdichtet“, schreibt Kornelius: Höchste Zeit für klare Worte.

Der Bundeswehreinsatz am Hindukusch ist die größte Operation außerhalb der eigenen Grenzen – bis zu 4500 deutsche Soldaten nehmen daran teil. Doch noch immer erweckten Bundesregierung, Volksvertreter und Generäle den Eindruck, die Bundeswehr sei als Aufbauhelfer in Uniform nach Zentralasien entsandt worden. Tatsächlich aber führe sie Krieg: gegen die Taliban, gegen islamistischen Terror und gegen den Zerfall einer ganzen Region. Die „heuchlerische Interpretation“ des Mandats der Vereinten Nationen steht nach Kornelius’ Auffassung einer realistischen Wahrnehmung Afghanistans im Weg. Und, schlimmer noch, sie gefährde die deutschen Soldaten. Ihre unnötig restriktiven Einsatzregeln machten sie praktisch handlungsunfähig und würden den zivilen Aufbau eher behindern als erleichtern.

Kornelius’ Diagnose des mentalen Status quo hierzulande ist ernüchternd. Gnadenlos legt er den Finger in die Wunde der gängigen Verdrängungsmuster. Der Norden Afghanistans war eben nicht lange Zeit stabiler und sicherer als andere Provinzen des Landes, weil die Bundeswehr dort auf ihre eigene, zurückhaltende Weise tätig war – sondern umgekehrt gilt: Die Bundeswehr wurde dort eingesetzt, eben weil die Region als vergleichsweise ruhig und ungefährlich galt. Das ändert sich gerade. Und die deutsche Öffentlichkeit ist darauf von der Politik nicht ausreichend vorbereitet worden. Zur Ehrlichkeit gehört es zudem, so Kornelius, zuzugeben, „dass die mit großem politischem Theater nach Afghanistan verlegten Tornados operativ nutzlos sind“, weil ihre Luftbildkameras nichts lieferten, „was Drohnen oder andere Aufklärer nicht schneller und möglicherweise in bewegten Bildern bereits geliefert haben“; dass „Deutschland bei der Polizeiausbildung gescheitert ist“; und dass „der zivile Aufbau einer beängstigenden Routine verfallen ist und dem eigentlichen Bedarf nicht gerecht wird“.

Die große Stärke des schmalen Bändchens ist seine argumentative Stringenz. Kornelius versteht es, auf wenig Platz einen umfassenden Überblick zu geben. Knapp und gut verständlich liefert er das, was die Politik in all den Jahren nicht geschafft hat: eine prägnante Begründung, warum sich der Westen in Afghanistan engagiert und engagieren sollte.

Die einzige, aber nicht unerhebliche Schwäche des Büchleins: Kornelius lässt es zuweilen an jeglichem Verständnis für das historisch gewachsene Misstrauen der Deutschen gegen alles Militärische fehlen. Über weite Strecken steuert er auf eine nachgerade geschichtsvergessene Art und Weise auf seine Kernthese zu, Deutschland habe sich endlich seine „Gestaltungsrolle in der Welt“ zu eigen zu machen und sich dabei seiner bisherigen Zurückhaltung zu entledigen. Den Bundestag nennt er das „am wenigsten kalkulierbare Element“ im Einsatz, schlimmer noch als Taliban und Warlords. Und dass die deutschen Soldaten keine Flüchtenden erschießen sollen, sei einheimischen Soldaten nicht vermittelbar, denn „in der afghanischen Armee ist die Sitte nicht verbreitet, Flüchtende zu verschonen“. Das allerdings kann wohl kaum der Maßstab sein.

– Stefan Kornelius: Der unerklärte Krieg: Deutschlands Selbstbetrug in Afghanistan. Edition Körber

Stiftung, Hamburg 2009. 100 Seiten,

10 Euro.

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