Literatur : Apfelduft in Alma Ata

Die grotesken Erzählungen des Tschechen Jirí Weil

Nicole Henneberg

Sechs Tiger in Basel“ heißt der Erzählungsband des 1900 in der Nähe von Prag geborenen Schriftstellers Jirí Weil. Was es mit den Tigern auf sich hat, soll nicht verraten werden – nur dass sie ein Sprachproblem haben und Entdeckungsreisende wider Willen sind. In Weils Geschichten erscheint die Schweiz als groteskes Utopia: Von hier aus wirkt die europäische Katastrophe ganz unverständlich. Jirí Weils Geschichten, die zwischen 1920 und 1948 spielen (die meisten entstanden 1938–1948) erzählen vom Alltag „rassisch“ oder politisch unliebsamer Menschen, die zwischen die Mühlsteine der Macht geraten, egal, ob es sich um einen (kommunistischen) Ausflügler an einem deutschen See oder scheue (jüdische) Waisenkinder in Prag handelt, die auf Transport, also in den Tod geschickt werden.

Seinem Credo, nur über Dinge zu schreiben, die er kannte, ist Weil stets treu geblieben. Nur knapp überlebte er zwei Diktaturen. Die nationalsozialistischen Besatzer hassten ihn als Juden und Kommunisten; die Stalinisten wegen seiner dokumentarischen Genauigkeit. 1933 war Weil noch von den Bolschewiki begeistert und ging im Auftrag der KP nach Moskau, um Lenin ins Tschechische zu übersetzen. Ein Jahr später geriet er dort in den Sog der stalinistischen Säuberungen und wurde nach Alma Ata verbannt, eine Stadt, in deren Apfelduft er sich verliebte und die ihm zeitlebens, wie er in „Reise nach Alma Ata“ schreibt, als Ort verborgener Schönheit erschien. 1935 konnte er nach Prag zurückkehren.

Doch in der tschechischen Republik war nicht nur die Beschäftigung mit dem Holocaust unerwünscht, sondern, wie sein Freund Julius Fucik ihm öffentlich vorwarf, auch ein „nihilistischer“ Blickwinkel. Weil entging nur durch Glück einer Verurteilung. Erst 1960, ein Jahr nach seinem Tod, konnte sein letzter Roman „Mendelssohn auf dem Dach“ erscheinen. Trotz der Anfeindungen war Weil nie ein Renegat. Darauf weist Bettina Kaibach in ihrem klugen Nachwort hin. Sie hat diese Geschichten glänzend übersetzt, ohne ihnen den Schweijk’schen Humor zu nehmen – angesichts der Genres, die vom Kaddisch bis zu Kneipendialogen reichen, ein großes Verdienst. Weil suchte nach einer sarkastischen Sprachebene, auf der sich die Banalität des Mordens darstellen ließe. In der Erzählung „Shanghai“ bricht ein Auskunftsbeamter zusammen, der Menschen über den Transport informieren soll: Was soll er ihnen sagen? Nicht nur die Realität ist unglaubwürdig geworden. Jeder Blick, jede Geste hat einen dreifachen Boden. Nicole Henneberg

Jirí Weil: Sechs Tiger in Basel. Erzählungen. Ausgewählt von Urs Heftrich und Bettina Kaibach. Libelle Verlag, Lengwil 2007. 190 S., 16,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar