Aufgeblasen : Thomas Kapielski: Nieder mit dem Würdequatsch

Schreiben, schimpfen, zeichnen: Thomas Kapielski vervollständigt sein Gesamtluftwerk.

Gerrit Bartels

Als das Kreuzberger Künstlerhaus Bethanien vor vier Jahren eine Ausstellung mit Werken des Berliner Künstlers Thomas Kapielski machen wollte, musste dieser zunächst passen: „Mensch, die Ware ist verstreut über ganz Europa! Die Magazine sind leer. Es gibt nichts mehr, was ich in eure Hallen stecken könnte. Gar nichts. Weil aber Kapielski das Ausstellungsangebot als zu verlockend erschien (Einzelausstellung! Unsterblichkeit!) und das Künstlerhaus keine Mühen scheuen wollte, wurden Kapielski-Fans in aller Welt angeschrieben, die „Ware“ wieder beschafft und unter dem Titel „Emolumente – Sammler zeigen ihre Kapielskis“ ausgestellt. Darunter fanden sich so wegweisende Exponate wie ein mit Einmal-Rasierern und Zahnbürsten gefüllter Zahnputzbecher mit dem Titel „Ihr könnt alle bei mir schlafen!“ aus den neunziger Jahren. Oder die „kürzeste Theke der Welt“ aus den Achtzigern.

Kapielski ließ es sich dann auch nicht nehmen, eine brandneue Arbeit beizusteuern, eine dem großen Anlass nur zu gemäße. Er bastelte ein „Gesamtluftwerk“, eine Art Buchkassette mit den Titeln, die er seit Anfang der achtziger Jahre beim Merve-Verlag und bei Zweitausendeins veröffentlicht hatte – nur zum Aufblasen oder Luftrauslassen.

Das „Gesamtluftwerk“ symbolisiert so Kapielskis Profession und Persönlichkeit. Er ist ein Multitalent, das sich nur zu gern kreativ-narzisstisch aufpumpt, er ist Schriftsteller, Musiker, Zeichner, Objektkünstler, Schausteller, Dozent und passionierter Biertrinker. Und trotzdem wehrt er sich gegen solcherart abrichtende Zuschreibungen. Nur zu gern kehrt er seinen Dilettantismus hervor, und oft ist es ihm peinlich, als Beruf „Künstler“ anzugeben. Auch „Schriftsteller“ empfindet er als „hoch genierlich“: „In der Kneipe schämt man sich all den hoch talentierten, sympathischen Hauptschulabgängern gegenüber, da sie über eine Eloquenz aus dem Stegreif verfügen, dass einem die Ohren schlackern“.

Trotzdem arbeitet Kapielski wacker an seinem Gesamtluftwerk, gerade dem schriftstellerischen. „Ortskunde“ heißt eines von zwei neuen Büchern. Darin berichtet Kapielski von Fahrradrekordversuchen in Obertopftstedt oder vom Niedergang des Bierbrauerbrauchtums in Gardelegen, von der Freiluftbühne im Walde zu Spretau oder dem Bahnhof von Uelzen. Es sind Reiseerzählungen, in denen Kapielski inspiriert von obskursten Ortsnamen wie Schnürpflingen oder Sterbfritz nicht weniger obskure Geschichtchen zum Besten gibt. Ist „Ortskunde“ gewissermaßen das thematisch stringent durchkomponierte Hauptwerk, das wie ein Abfallprodukt daherkommt, so ist das zweite neue Kapielski-Buch, „Mischwald“, die typisch lose, auf keinen inhaltlichen Nenner zu bringende Blatt-, Erlebnis- und Gedankensammlung, die aber das eigentliche Hauptwerk darstellt: die Fortschreibung des großen Kapielskischen Erziehungs- und Künstlerromans.

Passend dazu ist „Mischwald“ das erste Buch von Kapielski beim Suhrkamp-Verlag, wo er eine neue Heimat gefunden hat. Denn nach dem Selbstmord von Merve-Verlegerin Heidi Paris und der Emigration ihres Kompagnons Peter Gente nach Thailand hat Kapielski seine Bezugspersonen bei Merve verloren, wie er mitteilt: „Merve für Doofe. Da war ja ich immer zuständig. Jetzt wird im schlauen Bereich des Verlages eine Nachfolge postiert, da Gente davongeht. Da gehe ich auch. Wer aber wird die Nachfolge für Doofe packen?“.

Solche Blödeleien finden sich in „Mischwald“ zuhauf, dafür ist Kapielski bekannt: für funkelnde Aphorismen wie für manchmal nicht ganz so funkelnde Witze, für Kalauer, Wortspielereien und Unsinnssätze, wie sie ein Martin Kippenberger nicht besser hätte ersinnen können. Kapielski macht aber auch, unterstützt durch viele Biere, theologische und philosophische Ausflüge, prangert die Schreckenspfarrschaften im Speziellen und den Zustand der Welt im Allgemeinen an, erzählt von seinen Lesereisen und reibt sich an den Eitelkeiten des Kunstbetriebs: „Die Fetischkacke um Kunst ist mir seit je verächtlich.“ Am Rande offenbart er auch seinen familiären Status, wie er nach Scheidung und Bezug einer Single-Wohnung im Charlottenburger Westend eine Patchworkfamilienexistenz führt.

„Mischwald“ ist das Tagebuch eines Jahres, des Kapielski-Jahres 2006. Als solches liest es sich auch wie das Begleitbuch zur Sammlerausstellung im Bethanien, sind doch die meisten Objekte in diesem Buch abgebildet. Die Einträge dazu führen zu weiteren Reflexionen über die Kunst, ihre Entstehungsbedingungen, sie sind Anlass für ihn, den „gewöhnlichen Würdequatsch“ der Kunst zu verkleinern, und sie rufen nicht zuletzt Erinnerungen hervor. Aus diesen schimmert bisweilen Wehmut hindurch, und manchmal wirkt der 1951 geborene Kapielski überhaupt wie ein Fossil aus alten, längst vergangenen, aber ach so schönen (West-Berliner) Zeiten.

Kapielski erinnert sich alter und toter Freunde, von Dieter Roth bis Qrt, und er erzählt Geschichten gemeinsamer Aktionen, zum Beispiel wie er einst mit seinem Freund, dem Verleger Bernd Kramer, eine auf fünf Bände angelegte Frauenreihe plante, in der dann aber nur zwei erschienen. Das Scheitern gehört mit zu dieser Künstlerexistenz, und so kommt in der Mitte von „Mischwald“ auch wieder die Rede auf ein traumatisches Ereignis, das sich Ende der achtziger Jahre zugetragen und Kapielski genauso berühmt wie berüchtigt gemacht hat. Damals arbeitete er für die „taz“, und als er in einem Artikel einen Club als „gaskammervoll“ bezeichnete, schmiss die Zeitung ihn raus. Niemals hätte er damals „Frevel bagatellisieren oder gar gutheißen“ wollen, so Kapielski heute: „Mir hier einen Makel anzuhaften, ist niemals statthaft“.

Solcherart geächtet, sind ihm linke Milieus ein Dorn im Auge, hält er „Multikulti“ für ein „widerwärtig grillenhaftes Wort“, ist ihm Linkssein „ein recht haltbares Auslaufmodell verfugt- und verfestigten Spießertums“, kann man in Sachen politischer Korrektheit keinen Staat mit ihm machen. Lieber kehrt Kapielski den Aktentasche tragenden Kleinbürger heraus, der sich über den neuen Berliner Hauptbahnhof genauso erregen kann wie über die Ungleichbehandlung von Schwarzfahrern in der U-Bahn. Und der immer den wählt, „der mir die ärgsten Übel vom Halse zu halten gesinnt“. Da siegt der Pragmatismus, dem oft ein Weltschmerz in die Parade fährt, die Erkenntnis, unter Menschen zu leben, die glauben, „Wahrheit und Anspruch auf alles Wohl“ der Welt zu besitzen, „sogar auf ein ihnen genehmes Klima“ (Es versteht sich, dass Kapielski ein ausgewachsener Klimawandelskeptiker ist).

Trotzdem muss er weitermachen, ist er ein „Machenmüsser“, ein seltsamer Weiser, der mitten im digitalen Leben steht. Im Internet sieht er zwar schon mal „subanimalste (vulgo humane) Niedertracht vermittelst Hochtechnik“ am Werk, aber eine Website, auf der er seine vielfältigen Tätigkeiten dokumentiert, hat er genauso wie einen Writersblog bei Zweitausendeins. Nicht zuletzt erinnern alle seine Bücher zumindest formal an das Bloggertum der Jetztzeit. Trotzdem regiert die alte Schule, wie bei Rainald Goetz, ist „Mischwald“ durchgearbeitet und kunstvoll arrangiert.

Als die Arbeit getan ist, beklagt Kapielski noch die „Aushöhlung seines Ingeniums“. Bei aller ausgestellten Unbedarftheit und dem Kokettieren mit dem Nicht-Mitmachen-Wollen, ist dies das Gestöhne eines Künstlers, der gar nicht anders kann, als der Kunst sein Leben zu widmen. Das aber versucht er immer wieder mit einem dahingetupften Witzchen zu verschleiern. „Lesen und Sinnen“, mehr wolle er ja eigentlich gar nicht, sagt er am Schluss, und was auf seinem Grabstein stehen soll, weiß Thomas Kapielski auch schon: „Macht bloß so weiter“.

Thomas Kapielski: Mischwald. Suhrkamp, Frankfurt a, M. 2009, 348 S., 14 €. Ortskunde. Eine kleine Geosophie. Urs Engeler Editor, Basel 2009. 130 Seiten, 17 €.

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