AUFGESCHLAGEN Zugeschlagen : Mhm? Hm!

Von Denis Scheck

Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal monatlich die „Spiegel“-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“. Nach der Sommerpause das nächste Mal am 7. September.



10.) Stephenie Meyer: Biss zum Abendrot (Deutsch von Sylke Hachmeister, Carlsen Verlag, 640 Seiten, 19,90 €.)

Die zweite Fortsetzung eines romantischen Liebesromans über ein Mädchen namens Bella, das sich zwischen einem Werwolf und einem Vampir entscheiden muss. Leider fehlt dieser Geschichte der nötige Biss.

9.) Muriel Barbery: Die Eleganz des Igels (Deutsch von Gabriela Zehnder, dtv, 364 S., 14, 90 €.)

Manchmal geschieht das kleine Wunder eben doch: Dies ist schlicht und einfach ein intelligenter Unterhaltungsroman. Die Französin Barbery erzählt von einem zum Selbstmord entschlossenen Teenager und einer sehr gebildeten Concierge in einer Enklave der Wohlhabenden in Paris – und hat damit eine mitreißende und lebenskluge Geschichte geschrieben, die dem Vergleich mit „Harold und Maude“ standhält.

8.) Stephenie Meyer: Biss zur Mittagsstunde (Carlsen Verlag, 557 S., 19,90 €.)

Immer nur Blut und nie Sperma ist auf die Dauer eine reichlich fade Diät. Auch lassen Romane, in denen die Heldinnentatsächlich Bella Swan heißen, sofort Sehnsucht nach Andersons hässlichem Entlein entstehen. So ist die erste Fortsetzung dieses durch retardierende Endlosschleifen auf Länge gestreckten Melodrams um die Frage der jugendlichen Heldin Bella Swan: „Vampir werden oder Mensch bleiben?“ nur etwas für Leser, die ihren Hirnkasten menstrualrosa tapeziert haben.

7.) Katherina Hagena: Der Geschmack von Apfelkernen (Verlag Kiepenheuer & Witsch, 255 Seiten, 16,95 €.)

Zwar erinnert dieser Familienroman in seiner strengen und zuweilen penetranten Publikumsorientiertheit eher an Apfelkorn als an Calvados, aber die Geschichte dreier Frauengenerationen im norddeutschen Paradiesgarten vermag zu unterhalten. Sagen wir so: befriedigend, aber not my cup of tea.

6.) Volker Klüpfel, Michael Kobr: Laienspiel (Piper Verlag, 368 Seiten, 14 €.)

Ein Heimatroman zur Fußball-Europameisterschaft mit dem in jeder Hinsicht unwahrscheinlichen Kommissar Kluftinger über den Unterschied zwischen Österreich und Allgäu: quer und spannend – so könnte das Drehbuch zu einem „Tatort“ im Paradies aussehen.

5.) Dora Heldt: Urlaub mit Papa (dtv, 319 Seiten, 12 €.)

Stell dir vor, du musst im Alter von 45 Jahren zwei Wochen Urlaub auf Norderney mit deinem 73 Jahre alten Vater machen. Und stell dir vor, dass dieser Vater Heinz heißt und wie ein Heinz denkt, spricht und handelt. Seichte, aber nicht doofe Unterhaltungsliteratur.

4.) Henning Mankell: Der Chinese (Deutsch von Wolfgang Butt, Zsolnay, 606 Seiten, 24,90 €.)

Der neue Mankell ist ein Mhm-Buch. Während man von der Auslöschung eines schwedischen Dorfs, dem individuellen (Schwertkiller!) und dem kollektiven Bösen (Kapitalimus!) liest, wiegt man ständig bedächtig den Kopf und macht zustimmende Geräusche: Mhm. Beim Kriminalroman wäre statt der Mhms ab und zu ein verblüfftes Hm! aber besser.

3.) Ken Follett: Die Tore der Welt (Deutsch von Rainer Schumacher und Dietmar Schmidt, Lübbe, 1120 Seiten, 24,95 €.)

So bunt, dreckig und fies war das Mittelalter: Folletts 200 Jahre nach „Die Säulen der Erde“ angesiedelte Fortsetzung bietet von brutalen Rittern und weisen Nonnen, intriganten Mönchen und hungernden Bauern alles auf, was man braucht, um heutige Konflikte im historischen Kostüm auszuagieren. Als Roman ist das allerdings so beeindruckend wie der maßstabsgerechte Nachbau des Kölner Doms aus Streichhölzchen.

2.) Siegfried Lenz: Schweigeminute (Hoffmann und Campe, 128 Seiten, 15,95 €.)

Stella, die schöne Hauptfigur in dieser federleichten Sommergeschichte, hat ein Faible für William Faulkner. „Ich liebe Stella“, überlegt sich an einer Stelle der Erzähler. „Und ich dachte auch: Ich möchte mehr über sie wissen. Kein Wissen genügt, wenn man gewahr wird, dass man jemanden liebt.“ Vielen Lesern wird bei der Lektüre diesen schönen kleinen Buchs aufgehen, dass sie Siegfried Lenz lieben. Wer dann mehr wissen will, kann ohne Angst vor Enttäuschung die großen Erzählungen und Romane von William Faulkner und Siegfried Lenz aufschlagen.

1.) Charlotte Roche: Feuchtgebiete (DuMont, 219 Seiten, 14,90 €.)

Wird das ein Gelächter geben, wenn man in dreißig Jahren dieses ungelenke Büchlein noch einmal aufschlägt und sich vor Augen führt, dass einem diese stümperhafte Proktologenprosa einmal provokant erschienen ist. Sagen wir so: Charlotte Roche hat für die Literatur genau so viel geleistet wie Oswalt Kolle für den Dokumentarfilm.

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