Auswärtiges Amt : Weltbürger

Amos Oz liest im Auswärtigen Amt. Schriftstellerkollege Sigfried Lenz kann wegen Krankheit nicht an der geplanten Gesprächsrunde teilnehmen.

BerlinDas Berliner Ministerium des Auswärtigen hat schon auch etwas Schlossartiges. Immerhin gibt es im rückwärtigen Bereich den „Weltsaal“, und wenn Hausherr Frank-Walter Steinmeier zu Lesungen einlädt, weht dort ein Hauch von Humboldt-Forum. Amos Oz kam am Montag zum Abschluss der Reihe „60 Jahre Israel – Deutsch-israelische Literatur im Auswärtigen Amt“ , leider ohne den erkrankten Gesprächspartner Siegfried Lenz. So saß der Heinrich-Heine-Preisträger mit Steinmeier allein auf dem „Blauen Sofa“, Wolfgang Herles moderierte den angeregten Plausch, der vom Deutschlandradio übertragen wurde.

Ein Abend unter Freunden. Siegfried Lenz wurde schmerzlich vermisst. Er war es, sagte Amos Oz, der ihm einmal die Tür nach Deutschland geöffnet habe. Oz, Jahrgang 1939, ist hierzulande ein Bestsellerautor, aber in der Nacht, so gestand er, habe er immer noch das seltsame Gefühl, „in Deutschland zu sein“. Der Schauspieler Peter Fitz las Passagen aus Oz’ Romanen „Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“ und „Verse auf Leben und Tod“, darunter das Gleichnis vom palästinensischen und hebräischen Käse, in dem der mörderische Nahostkonflikt tragikomisch aufscheint.

Steinmeier, von Berufs wegen verhaltener Optimist, sieht gewisse Fortschritte im Friedensprozess; verbunden mit der Erwartung, dass der neue US-Präsident sich anders als der Vorgänger „vom ersten Tag an“ um Israel und Palästina kümmern werde. Amos Oz, Mitbegründer einer neuen linken Partei in Israel, hofft auf die ebenso schmerzhafte wie notwendige Einsicht beider Seiten, dass es zwei unabhängige Staaten geben müsse. Kein Konflikt, keine Dissonanz zwischen dem israelischen Schriftsteller und dem deutschen Spitzendiplomaten.

Man hört einander zu, man habe, so Steinmeier, in den Lesungen viel gelernt, wie Menschen in Jerusalem und Tel Aviv heute denken. Und umgekehrt: Deutsche Literaten wie Siegfried Lenz haben nach dem Holocaust ein neues Land mit aufgebaut. Ein bisschen können Schriftsteller die Welt doch manchmal verändern. R.S.

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