Literatur : Bericht aus der Höhle

Nervöse Zone: Lutz Hachmeister über das Verhältnis zwischen Politik und Medien in der Berliner Republik

Roger Boyes

Es ist nicht leicht, in diesen Zeiten, Journalist zu sein. Nicht nur gehen uns die Leser abhanden, sondern auch ein Gefühl dafür, wer unsere Leser sind. Das Internet verändert nicht nur die Altersstruktur für Printmedien, sondern auch gleichermaßen fürs Fernsehen und Radio, da sich immer mehr junge Menschen bei Youtube informieren, wann immer sie wollen. Die Macht einer Redaktion, die Nachrichtengebung zu bestimmen, schwindet immer weiter. Wie sieht heutzutage der typische „Spiegel“-Leser aus? Vor 30 Jahren, als ich ihn stapelweise vor der Marburger Uni verkaufte, hätte ich das ohne Probleme sagen können. Damals erwähnte man „,Spiegel-Leser“ in einer Heiratsannonce, um die Spießer abzuschrecken. Und heute?

Also stolpern wir durchs Dunkel, ohne unseren Einfluss auf die Öffentlichkeit und die Politik noch einschätzen zu können, und wissen darum immer weniger, wozu wir Journalisten noch gut sind. Wollen wir selber Politiker sein, wollen wir sie verführen, sie stürzen, sie demütigen, oder neben ihnen bei einem schicken Abendessen sitzen? Und wie denken die über uns? Wie nützlich sind wir für sie?

Lutz Hachmeisters Ausgangspunkt ist die bittere, pseudo-fromme Erklärung Gerhard Schröders am Abend der Bundestagswahl 2005: „Ich bin stolz auf eine demokratische Kultur, mit der bewiesen worden ist, dass Medienmacht und Medienmanipulation das demokratische Selbstbewusstsein nicht erschüttern können.“ Es war eine Verschwörungsthese wie aus alten Juso-Zeiten und sie klang seltsam aus dem Mund des Medienkanzlers, des Mannes, der für die „Gala“ Modell gestanden hatte und der gut zwei Dutzend Journalisten duzte, der eine Journalistin geheiratet und der die Macht von „Bild“ und „Glotze“ beschworen hatte. An jenem Abend rechnete er mit seinen alten Freunden ab. Sie hatten das rot-grüne Projekt im Stich gelassen und auf Schwarz-Gelb gesetzt, aus der Sicht Schröders hatten sie ihn verraten und die Stimmung im Land falsch interpretiert.

Hachmeister, der Gründungsdirektor des zunehmend einflussreichen Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Berlin, testet die These Schröders, indem er sich in das neuralgische Feld, die „nervöse Zone“, zwischen Politik und Journalismus begibt. Die Grunderkenntnis ist nicht überraschend. Zwischen Ankunft und Abschied des Medienkanzlers hat die Form, wie Nachrichten aufbereitet werden, eine leise Revolution durchlaufen: Das Internet als Meta-Medium, das Handy, die Vervielfachung der Fernsehkanäle, der Aufstieg der politischen Talkshow, der Umzug von Bonn nach Berlin. Der politische Journalismus stand vor einem Wandel, der Kampf um die Deutungshoheit hatte begonnen. Erst langsam, dann schneller entglitt sie Rot-Grün. Als der Kanzler die Medien brauchte, um seine Partei zu übergehen und die Agenda 2010 an den Mann zu bringen, sprachen sie nicht mehr die gleiche Sprache. Ein Konsens breitete sich innerhalb des Medienestablishments aus, dass die 68er ihre historische Aufgabe erfüllt hatten, und dass ein modernes Deutschland sich nach rechts bewegen müsse.

Zustimmend zitiert Hachmeister einen Artikel aus „Cicero“, der die „konservativen Sirenen“ beschreibt und sie unterteilt in „Patrioten“, wie Florian Langenscheidt, Matthias Matussek und Florian Illies, die „Prediger“, wie Peter Hahne und Hape Kerkeling, die „Professoren“, wie Paul Nolte und Paul Kirchhof, die „Wirtschaftsliberalen“, wie Gabor Steingart und Christoph Keese, und den „Konvertit“, wie Stefan Aust. Lutz Hachmeister folgt im weitesten Sinne diesem Schema. Er organisiert es in seinem Buch zu einer Art Anthropologie der Medienstämme, er gibt quasi die Margaret Mead der Berliner Republik. Das Ergebnis ist amüsant wegen der Absurdität, die in dem unaufhörlichen Wechsel der Medienkoalitionen liegt. Das Schmieden einer dieser Koalitionen konnte ich selbst aus nächster Nähe beobachten: ein Mittagessen, es war Sommer, im Hof vom Borchardt, zwischen dem hoch aufragenden Mathias Döpfner und dem drahtigen Stefan Aust – zwei Männer, die in der alten Denke Klassenfeinde hätten sein müssen. Da ich nicht lippenlesen konnte, konnte ich nur vermuten, worum es ging. Ich entschied mich für: Rechtschreibreform. Aber dann tauchte Bernd Eichinger auf, in Turnschuhen. Erst später wurde mir klar, dass die drei vermutlich überlegt haben, wie „Bild“ und „Spiegel“ zusammen den Film „Der Untergang“ am besten vermarkten könnten.

„Nervöse Zone“ liefert ähnliche Einblicke. Wer erinnert sich noch daran, dass der „Spiegel“ 1996 versucht hatte, Frank Schirrmacher von der „FAZ“ fertig zu machen, indem sie die fantasievolleren Teile seiner Biografie enttarnten? Nun, Hachmeister, der Medien-Anthropologe erinnert sich natürlich daran. Und auch daran, dass die „Bild“, aus Döpfners Verlag, Schirrmacher pries („Mann des Tages“). Und dass die „FAZ“ Matusseks Patriotismus-Buch lobte (26. Mai 2006), dann ihre Meinung änderte (31. Dezember 2006), weil derselbe Hobbyblogger Matussek „immer wahnsinniger wurde“. Was war in jener Zeit vorgefallen zwischen Frank und dem Hobbyblogger, zwischen dem „FAZ“-Stamm und dem „Spiegel“-Stamm? Hachmeister kriecht leider nicht in solche unterirdischen Höhlen. Er sieht seine Aufgabe darin, eine Art Molekular-Diagramm anzufertigen, das deutlich macht, wie die Wechselwirkung zwischen Persönlichkeiten und sich verändernden Medien die Basis des politischen Konsenses verschoben hat. Dabei verabreicht er uns Gerüchte in homöopathischen Dosen, die uns nach mehr gieren lassen. Als die „Spiegel“-Barone langsam zu der Schlussfolgerung kamen „Schröder muss weg“, geriet damit nicht auch die These „Aust muss weg“ in Fahrt? Gabor Steingart war schließlich Chef des Hauptstadtbüros und wollte den Thron; und Aust war naturgemäß ein Schröder-Sympathisant. Hachmeister füttert unsere Neugier an, satt macht er sie nicht.

Um die genauen Konturen des politischen Journalismus herauszuarbeiten, muss man vielleicht die Mechanismen des Prozesses genauer untersuchen. Und vielleicht muss man dann etwas mehr recherchieren, als es Hachmeister getan hat. Ich hätte zum Beispiel gern mehr darüber gelesen, wie eine Debatte in einer Redaktionskonferenz des „Spiegel“ abläuft; wie weit seriöse Zeitungen bereit sind, sich im Internet zunehmend am Boulevardjournalismus zu orientieren; über die Nähe zwischen politischen Experten und politischer PR, hätte ich gern mehr erfahren und über den Druck, der im Geheimen auf „Bild“ ausgeübt wird. Wenn es eine eigene Medien-Klasse gibt und diese Klasse eigene politische Ziele verfolgt, dann wegen der Schwäche der politischen Institutionen. Warum gibt es in Großbritannien keine Sabine Christiansen? Weil es dort ein lebhaftes Parlament gibt. Christiansen hatte nur deshalb Erfolg, weil die deutschen Abgeordneten nicht in der Lage waren, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit im Reichstag oder in irgendeinem anderen Fernsehformat zu erregen. Hachmeister weist zurecht darauf hin, dass „Christiansen“ ein Produkt der Quatsch-Kultur von Rot-Grün war, dass sie aber durch die Auswahl der Gäste und Themen, die Agenda zunehmend in Richtung Schwarz-Gelb verschoben hat. Die große Koalition beendet die sonntägliche Séance mit Sabine: von all den Medienmenschen, die damals auf dem falschen Fuß erwischt wurden, war sie möglicherweise die größte Verliererin in der Wahlnacht 2005.

Hachmeister liest man mit Vergnügen, und das kann man ja nicht allzu oft über ein Buch sagen, das ein Medienprofessor geschrieben hat. Mal war ich seiner Meinung, mal nicht: Frank Schirrmacher beschreibt er angemessen als die entscheidende Figur im Entwurf eines neuen konservativen Konsensus, übertreibt aber maßlos die Bedeutung des Kultur- Clowns Matussek und des Voodoo-Journalismus über die „Deutschwerdung“. Das Buch ist ein freundlicher Dialog zwischen Autor und Leser, es ist aktuell und anregend – ein Text, den wir auf dem Nachtisch zum Nachschlagen bereithalten sollten, während wir die große Koalition schrittweise beim Auseinanderfallen beobachten.

Der Autor ist Deutschlandkorrespondent der Londoner „Times“. Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.







– Lutz Hachmeister:
Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007. 282 Seiten, 16,95 Euro.

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