Berlins Architektur : Gedächtnis der Steine

Mit dem Band "Städtebau" schließt die Buchreihe "Berlin und seine Bauten". Jetzt ist ein Überblick über das gesamte 20. Jahrhundert möglich, einschließlich der Wurzeln in der Hochphase des Wilhelminismus seit 1890 und der Ausläufer ins 21. Jahrhundert hinein.

Bernhard Schulz

45 Jahre sind vergangen, seit der erste Band der Reihe „Berlin und seine Bauten“ erschien. Niemand im Kreise des herausgebenden Architekten- und Ingenieurvereins zu Berlin (AIV) konnte sich seinerzeit eine solche Dauer vorstellen. Doch das Ziel, Berlins Architektur zwischen Buchdeckel zu pressen, verbunden mit den Schwierigkeiten der Finanzierung wie der – ehrenamtlichen! – Autorenschaft, führten zu langen Pausen und mühevollen Wiederaufnahmen liegen gebliebener Teilgebiete.

Denn in Teilgebiete ist „BusB“ gegliedert, in strenger Systematik. Sie ergab, dass „Teil I: Städtebau“ paradoxerweise als letzter Band der auf 24 Einzelbücher angeschwollenen Reihe erscheint, die in wesentlichen Teilgebieten wie „Bauwerke für Regierung und Verwaltung“ von 1966 (!) hoffnungslos veraltet ist. Für den neuen Band zum Städtebau indessen erwies sich die Verschiebung auf den Schlusspunkt der Reihe als Segen, ist doch in den zwei Jahrzehnten seit dem Mauerfall unendlich viel und vor allem gesamtstädtisch geplant worden.

So ist jetzt ein Überblick über das gesamte 20. Jahrhundert möglich, einschließlich der Wurzeln in der Hochphase des Wilhelminismus seit 1890 und der Ausläufer ins 21. Jahrhundert hinein. Dieses wird auf absehbare Zeit keine vergleichbar herkulischen Aufgaben wie der betrachtete Zeitraum kennen. Vier Fachleute haben sich für diesen Band zusammengetan, die – anders als bei allen früheren, eher als Reallexikon angelegten Bänden – selbstbewusst als Autoren auftreten und ihre Meinungen vertreten: Harald Bodenschatz (TU Berlin), der die Zeit von 1890 bis 1918 bearbeitet hat, das erprobte Duo Jörn Düwel und Niels Gutschow (Hamburg) für 1918 bis 1975 – und der Senatsbaudirektor a.D. Hans Stimmann, der die Jahre von 1975 bis 2010 abhandelt, in denen er selbst die dominierende Rolle gespielt hat.

Der Akteur als Autor? Darüber kann man geteilter Ansicht sein. Vielleicht wäre es besser gewesen, die noble, häufig spröde wirkende Zurückhaltung, die „BusB“ immer ausgezeichnet hat, auch hier walten lassen. Andererseits kennt niemand die Abläufe zwischen 1991 und 2006 – seiner Amtszeit – so gut wie eben Stimmann selbst, ja noch darüber hinaus, da er mit dem „Planwerk Innenstadt“, vom Senat 1999 zum verbindlichen Leitbild erhoben, sein Vermächtnis bis weit in die Zukunft hinein verankert hat. Zudem erlegt sich der Autor in seinem Text größte Zurückhaltung im Urteil auf.

Die Periodisierung ist eigenwillig; „sehr gewagt“, wie Stimmann selbst sagt. Denn sie zieht mit dem „Europäischen Denkmalschutzjahr“ 1975 einen Schlussstrich unter die groß und immer größer dimensionierten Planungen der Nachkriegszeit und damit unter die fortschrittsgewisse Moderne überhaupt. Das ist eine West-Perspektive, Stimmanns Perspektive als sozialdemokratischer, mit Stadtsoziologie aufgewachsener Planer, als der er Ende der siebziger Jahre an der hiesigen TU Hochschulassistent war. Für den Ostteil der Stadt gelten andere Jahreszahlen. Da spielte 1987 – das Jahr der 750-Jahr-Feier – mit der verschämten Nostalgie des Nikolaiviertels eine Rolle, und dann folgte das abrupte Ende von 1989. Stimmann widmet in seinem Hundert-Seiten-Beitrag nur einen schmalen Auftakt der Zeit bis 1989, um dann in medias res zu gehen: die Planungen nach der Wiedervereinigung, den Rückblick auf die – intensiv erlebte – IBA ’87, und schließlich die Verzahnung der suburbanen (Groß-)Siedlungen in Ost und West, ein Unterfangen, das wegen der höchst unterschiedlichen politischen Voraussetzungen ein Gewaltakt bleibt.

Kann man Ost und West, zwischen 1948 und 1990 strikt getrennt, überhaupt unter übergreifende Themen wie „Sanierung der kompakten Stadt ab 1975“ zwingen? Eher gilt das Aufeinander-Bezogensein für die frühen Jahre der Systemkonkurrenz, mit Stalinallee hier und Hansaviertel dort und mit den einander befehdenden Hauptstadtplanungen. Später läuft alles auseinander, getrennt durch eine immer trostlosere Innenstadtbrache, die westlicherseits ab 1983 unter dem Begriff „Zentraler Bereich“ zwischen Humboldthafen und Potsdamer Platz beplant wurde – ein Kapitel, das im Buch kaum Niederschlag findet.

Was sich als rote Fäden durchs Buch zieht, sind – in den Worten von Harald Bodenschatz – die  Wohnungsfrage, die Boden-, die Verkehrs- und die Freiflächenfrage: sozialpolitische Kernthemen seit Beginn des 20. Jahrhunderts, die die naturgemäß häufig aus der trockenen Planungsmaterie in die vielgestaltige Architekturgeschichte überwechselnde Darstellung immer wieder auf ihren Urgrund zurückführen. Und nicht zuletzt ist es ein ungeheures Plan- und Abbildungsmaterial, das diesen – erstmals in der Reihe vierfarbig gedruckten! – Band auszeichnet. Er wird auf Jahre hinaus eine Herkulestat bleiben, allein schon der immensen Kosten wegen, die ein letztes Mal durch einen Senatszuschuss bewältigt werden konnten. Format und Gestaltung des Schlussbandes weichen erheblich von den 23 Vorgängerbänden ab, ebenso wie der Verlag, der eine neue Generation markiert. So liegen in diesem Schlussband von „Berlin und seine Bauten“ Abschied und Aufbruch beieinander. Und dazu die Frage: wie weiter?

AIV zu Berlin (Hrsg.): Berlin und seine Bauten. Bd. I: Städtebau. DOM publishers, Berlin 2009, 470 S., Großformat, 98 €.

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