Bibliotheken : Bücher im Gepäck

Tatort Tirana: Wie Osteuropa mit deutscher Lektüre versorgt wird. Ein Erfahrungsbericht.

Gernot Wolfram

Deutsche Bibliotheken im Ausland haben es schwer. Durch die zunehmende Konzentration auf die englische Sprache schwindet auch in den traditionell an deutscher Kultur interessierten Ländern Ost- und Mitteleuropas die Klientel. Das mag einer der Gründe sein, warum das Auswärtige Amt, das Goethe-Institut und sechs große Stiftungen unter dem Titel „Menschen und Bücher – Bibliotheksinitiative für Mittel- und Osteuropa“ ein engagiertes Großprojekt gestartet haben: Ziel ist es, bis Ende des Jahres in 22 Ländern Bibliotheken neue deutsche Bücher und Medien zu schenken – mit einem Gesamtetat von 500.000 Euro.

Jede Bibliothek erhält zudem einen „Paten“. Deutschsprachige Autoren wie Feridun Zaimoglu, Katharina Hacker, Arthur Becker und Uwe Rada, um nur einige Namen zu nennen, sind an dem Projekt beteiligt. Ihre „Mission“ besteht nicht nur darin, in Ländern wie Tschechien, Polen, Lettland, Bosnien und Usbekistan die Initiative vorzustellen. Sie sollen auch dafür sorgen, dass nach ihrer Abreise deutsche Kultur in Erinnerung bleibt. Anthologien mit Alltagsgeschichten von Studenten aus Estland, ein akustisches Stadtporträt, erstellt von Schülern im ungarischen Pécs oder eine topografische Karte literarischer Orte in Albanien sind nur einige Beispiele für die geplanten Nachwirkungen des Bibliotheksprojekts.

Durch die in einigen Ländern immer noch komplizierte Visa-Vergabepraxis ist es schwer, gerade jungen Menschen zu vermitteln, warum sie sich für ein Land begeistern sollen, das für sie kaum erreichbar ist. Die American Libraries und Bibliotheken des British Council verzeichnen seit Jahren steigende Besucherzahlen in den Ländern Ost- und Mitteleuropas – vielleicht weil sie den Traum vom Westen kompatibler verkaufen. Albanien ist hierfür ein spannendes Beispiel. Als Pate des neu eröffneten deutschen Lesesaals in Tirana war ich zunächst erstaunt über die überaus gastfreundliche und weltoffene Atmosphäre des Landes. Ausgerechnet in der Bibliothek aber stieß ich auf erstaunliche Widersprüche. Der Lesesaal, bestückt mit Porträtbildern von Thomas Mann, Franz Kafka und Immanuel Kant, ist ein schöner heller Raum im Altbau der albanischen Nationalbibliothek. Während die Amerikaner mit ihrer auch in Tirana glänzend funktionierenden Library in einem eher nüchternen Raum untergebracht sind, haben die Deutschen also eine wirkliche Vorzeigeadresse. Nach meiner Ankunft war ich gespannt darauf, die mehrere Tausend Euro teuren Bücher, die nach Albanien geschickt worden waren, in Augenschein nehmen zu können. Zu meinem Erstaunen stand aber nur ein Bruchteil in den Regalen. Zudem funktionierten weder das Internet noch das mitgelieferte Videogerät. Ähnlich diffus erschien der Umgang mit den Öffnungszeiten. Die Erkundigung bei der auffällig desinteressierten Bibliotheksleitung brachte allein die Auskunft, es müssten von deutscher Seite nochmals 8000 Euro für neue Regale gezahlt werden. Alle Hinweise auf die bereits geleistete Unterstützung des Auswärtigen Amts blieben erfolglos. Dabei kommen gerade in Tirana viele Studenten in die Bibliothek, um aktuelle Zeitungen und Magazine aus Deutschland zu lesen – und um Neuerscheinungen kennenzulernen, wenn solche denn vorhanden wären.

Nun könnte man es sich einfach machen und das Vorurteil vom Balkan-Schlendrian bemühen. Vielleicht liegt aber das Problem tiefer, nämlich darin, dass die Idee der kulturellen Kooperation mit Partnern vor Ort, wie sie die deutsche Kulturpolitik formuliert, in der bestehenden Weise nicht zu halten ist. Die Erwartung vieler Länder in Ost- und Mitteleuropa, dass Kulturförderung vor allem von ausländischen Investoren betrieben werden soll, kann man niemandem übel nehmen. Wenn man Geschenke erhält, ist es nur opportun zu fragen, ob da nicht noch mehr kommt. Das enthebt aber häufig jener lokalen Selbstverantwortung, die für Projekte wie die Bibliotheksinititaive unabdingbar ist.

Viele Goethe-Institute leisten in dieser Hinsicht bereits hervorragende Arbeit, indem sie junge Einheimische in die deutsche Kulturarbeit einbeziehen. Dort aber, wo wie in Albanien staatliche Stellen als Partner fungieren, deren Personal mental und biografisch noch mit der kommunistischen Ära verbunden ist, müssen selbst hochprofessionell organisierte Initiativen ins Schwimmen geraten.

Ein weiteres Problem ist die Konzentration auf die alleinige Vermittlung deutschen Kulturguts in deutscher Sprache. Würde man nicht gerade beim Bibliotheksprojekt leichter Leser gewinnen, wenn man Literatur auch in Übersetzung anböte? Denn Hand aufs Herz: Selbst ein Leser mit exzellenten Deutschkenntnissen wird kaum alle Nuancen komplexer Romane wie Feridun Zaimoglus „Leyla“ genießen können.

Vielleicht müssen wir uns von der Haltung des Schenkenden verabschieden und uns auf die Frage konzentrieren, wie die Nachfrage nach deutscher Gegenwartskultur erhöht werden könnte. Das wäre dann eine kulturelle Auseinandersetzung auf Augenhöhe.

Gernot Wolfram ist Pate des Deutschen Lesesaals in Tirana (Albanien).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben