Buch: "Die großen Pianisten" : Lang Lang kein großer Pianist?

Dieses Buch ist eine Provokation. Der Berliner Musikjournalist Jürgen Otten will einen Überblick über die „Die großen Pianisten der Gegenwart“ geben und erwähnt die drei wirklich Großen mit keinem Wort.

Frederik Hanssen
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Lang Lang ist der Superstar der Klassik. -Foto: dpa

Dieses Buch ist eine Provokation. Da legt der Berliner Musikjournalist Jürgen Otten einen Überblick über „Die großen Pianisten der Gegenwart“ vor – und erwähnt eben jene drei Klavierspieler, die derzeit am meisten CDs verkaufen, mit keinem einzigen Wort: weder den smarten Martin Stadtfeld noch die wegen ihrer Liebe zu wilden Wölfen berühmt gewordene Hélène Grimaud. Und auch Lang Lang nicht, diesen Superstar der populären Klassik, den in den Medien allgegenwärtigen Chinesen mit den flinken Fingern und einem eigenen Turnschuhmodell bei Adidas.

„Das Buch soll, es will und muss subjektiv sein“, behauptet Jürgen Otten im Vorwort. Er will es den „Großen“ vorbehalten wissen, jenen Meistern also, die nach den Worten Alfred Brendels die Noten „richtig und kühn zugleich“ zu deuten verstehen. Zu denen gehören, in Ottens Ohren, Stadtfeld, Grimaud und Lang Lang ganz offensichtlich nicht. Man muss diese drei Interpreten nicht mögen – ignorieren aber kann man sie nicht in einer Publikation, die dem Leser die internationale Pianistenszene nahe bringen soll. Erstaunlich, dass der Henschel Verlag dem Autor diese Subjektivität hat durchgehen lassen. In den Werken zu aktuellen Sänger- und Regiestars von Manuel Brug sowie zu Spitzendirigenten von Julia Spinola, die im selben Verlag erschienen sind, setzten die Autoren ihre Akzente – im Lexikonteil aber streben sie, anders als Otten, Vollständigkeit, ja Objektivität an.

Nicht gerade publikumsfreundlich sind aber auch die Texte über jene Tastenvirtuosen geraten, denen Jürgen Otten den Zutritt zu seinem ganz privaten Pianistenolymp gestattet. Denn er geizt hier auffällig mit Informationen über den beruflichen wie privaten Lebensweg seiner Favoriten: Im Fall von Alfred Brendel begnügt er sich beispielsweise damit, das Geburtsdatum zu nennen sowie den Zeitpunkt seines freiwilligen Abschieds vom Konzertbetrieb. Die frühen Jahre Vladimir Ashkenazys sind Otten einige Detailauskünfte wert, dass der Pianist seit nunmehr drei Dekaden auch und vor allem als Dirigent tätig ist, bleibt dagegen unerwähnt.

Jürgen Otten interessiert sich nicht für die Menschen, sondern nur für die Interpreten. Sein Buch wendet sich an den versierten Hörer, der die gängigen Stücke von Haydn bis Rachmaninow im Ohr hat und darum den sehr detaillierten Interpretationsanalysen folgen kann. Denn genau darauf kapriziert sich Otten: die CD-Aufnahmen der Künstler bildreich zu sezieren. Wer sich nicht perfekt im Klavierrepertoire auskennt, wird allerdings von diesen endlosen Exegesen schnell ermüdet. Frederik Hanssen

Jürgen Otten: Die großen Pianisten der Gegenwart. Henschel Verlag, Berlin 2009, 288 Seiten, 24,90 Euro.

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