Buch-Rezension : Eroberer-Attitüde

Helge Schneiders achtes Buch ist ein Reiseroman. Zu Fuß und mit anderen Verkehrsmitteln trägt es ihn in alle Himmelsrichtungen. "Globus Dei - vom Nordpol bis Patagonien" zeigt exemplarisch, wie man sich auf Reisen nicht verhalten sollte. Eine nicht ganz ernst gemeinte Rezension.

Achim Fehrenbach

"Als Abschiedsgeschenk ließ ich ihnen eine Probepackung Hustenbonbons aus der Apotheke da, man glaubt gar nicht, wie schön diese Menschen sich über solch ein für unsere Verhältnisse billiges Geschenk freuen können. Sie gaben mir dafür zehn Eisbärfelle und sogar einen Hundeschlitten mit acht echten Huskys mit. Wow!" (Globus Dei, 39)



Dieser Satz könnte auch von Christoph Kolumbus stammen. Als der Entdecker am 12. Oktober 1492 die heutigen Bahamas erreichte, hatte er ein paar Glasperlen im Gepäck. Die Eingeborenen sollen von dem Geschenk begeistert gewesen sein. Sie schenkten Kolumbus Wurfspiele, Baumwollfäden und Papageien. Spätere "Entdecker" führten zentnerweise Glasperlen mit sich, die sie gegen unschätzbar wertvollen Goldschmuck eintauschten. Noch heute empfiehlt manches Reisehandbuch, Bündel von Kugelschreibern ins Zielgebiet mitzunehmen.

Arroganter Tierquäler

Diese Eroberer-Attitüde, gepaart mit nicht zu übertreffender Arroganz, durchzieht Helge Schneiders Buch wie ein roter Faden. Reise-Experte Schneider hat einen Weltenbummel unternommen, "vom Nordpol bis Patagonien". Unterwegs hat der Trekking-Spezialist so unterschiedliche Regionen wie den Kaukasus, Tibet, Algerien, den Amazonas und Mallorca besucht. Was er dort erlebt haben will, ist haarsträubend - nicht nur für den Leser. Aus der algerischen Wüste berichtet Schneider: "Irgendwie schaffte ich es, das Kamel zu besteigen, ich haute ihm zum Schluss, nach lauter misslungenen Ansätzen, einmal fürchterlich mit einer langen Stange auf die Knie, da stürzte es vornüber und nachher auch hinten, so dass ich bequem aufsteigen konnte. Warum nicht gleich so." (Globus Dei, 94)

Mit solchen Schilderungen versucht der Mülheimer, sein Image vom kompromiss- und rücksichtslosen Selfmade-Reisenden zu zementieren. Allerdings steckt der Teufel hier nicht nur in Schneider, sondern auch im Detail: Die "lange Stange", mit der das arme Tier gequält wird, hat er bis in die tiefste Sahara transportiert - ein immenser logistischer Aufwand, möchte man meinen. Jedoch ist Schneiders Transportgerät ein "Hinterherziehschlitten" aus Plastik, eine "Rutschmöglichkeit für Kinder" mit zwei Griffen.

Unterwegs mit dem Plastik-Babyschlitten

Auf dem Schlitten und in seinem Rucksack transportiert er Unmengen von Dingen; für jede noch so brenzlige Situation hat er das richtige Equipment parat: "Der Fön, den ich an der Autobatterie anschloss, die ich mit dem Plastik-Baby-Schlitten mitführte, gab mir nach zwei Stunden harter Trocknungsarbeit endlich das Gefühl, nicht tot zu sein." (Globus Dei, 33)

Oder als Schneider am Nordpol bei "80 Grad minus" feststellen muss, dass sich sein Pullover bis über den Bauchnabel aufgeribbelt hat: "Ich entschied mich für den hellblauen Pullover mit V-Ausschnitt und darunter ein T-Shirt mit dem Aufdruck: Lord Extra. Dazu eine lässige Cord-Jeans mit einem Bein aufgerissen, am Knie. Natürlich trug ich einen Pierre-Cardin-Gürtel, helles Wildleder." (Globus Dei, 23)

Die Aufmachung ergänzt er um "italienische Papagallo-Schuhe aus Mailand, Geflecht mit Kalbsleder", eine Baskenmütze und ein "portugiesisches Schäfer-Cape". Extremsituationen sind für ihn demnach keine Frage des Überlebens, sondern des Stils. Leider ist Schneiders Staffage weder modisch noch praktisch, sondern einfach geschmacklos. Sie harmoniert allerdings bestens mit der unglaublichen Ignoranz, die Schneider in seinen Urteilen gegenüber dem ihm Fremden erkennen lässt: "Die Coladosen konnte man am Eingang des Klosters aus dem Automaten ziehen. Ich versuchte, darin einen gewissen Stil zu erkennen. Es gelang mir nicht. Doch die Mönche hatten Spaß. Sie tranken so viel Cola, dass man nicht mehr hingucken mochte." (Globus Dei, 78)

Hinter Schneiders pseudokritischer Einstellung verbirgt sich echte Arroganz. Sein Statement, "wir zivilisationsgeschädigten Menschen unserer Zeit" seien "einfach viel zu arrogant", passt da wie die Faust aufs Auge. Wichtig ist für Schneider nur, "im Einklang mit der Natur zu leben." Das setzt er dann auch hervorragend um, indem er sich mit Eisbären und Seeelefanten duelliert und Kamele quält.

Verlogene Mischung

Schneiders "Expeditionsroman" ist nicht nur eine verlogene Mischung aus Halbwissen und Stereotypen, sondern auch noch schlecht beobachtet und geschrieben. Zudem nährt sich beim Leser der Verdacht, dass alles frei erfunden sein muss. Schneider wird nicht müde, den Verlust von Beweismaterial zu rechtfertigen: "Der Sturm [...] hatte auch meine Utensilien mitgerissen. Alle bis dahin gemachten Aufzeichnungen, sei es Tonband, Fotos oder Zeichnungen, all das schöne Zeug, was ja auch für mich der Beweis gewesen wäre, dass ich in allen den Ländern auf eigene Faust gereist war, um Land und Leute kennen zu lernen, all das war verloren gegangen." (Globus Dei, 116)

Die Fotos, die Schneider seinem Machwerk dann doch noch hinzugefügt hat, sind offensichtlich Fälschungen.

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