Buch-Rezension : Motoren der Meinungsfreiheit

"Kann das Internet Bertelsmann, Time Warner und Rupert Murdoch gefährlich werden?" fragt Erik Möller in seinem Buch "Die heimliche Medienrevolution".

Achim Fehrenbach

Die "Revolution" der neuen Kommunikationsmedien liegt für Möller in den "unabhängigen Stimmen" aus dem Netz, die mehr bieten als Politainment, Promi-Klatsch und PR-Texte. Im besten Fall unabhängiger Journalismus, der sich selbst finanziert und die Medien der Machteliten als primäre Nachrichtenquelle ablöst.

Weblogs, Wiki-Enzyklopädien und freie Software nennt Möller als Motoren dieser Entwicklung. Sie ermöglichen jedem Einzelnen, als Sender tätig zu werden. Kollaborative Weblogs wie slashdot.org erreichen bereits hunderttausende von Lesern. Wikis und Blogs haben sich zu einem Lieblingsthema auch der Massenmedien entwickelt. Beinahe jede Zeitung bietet mittlerweile eigene Weblogs an.

Nur eine Modeerscheinung?

Was ist also noch "heimlich" an dieser Entwicklung? Möller ist davon überzeugt, dass die Machteliten auch jetzt noch nicht die Tragweite der Veränderungen begriffen haben. Weblogs und Wikis werden - mit der Brille der Massenmedien - als Modeerscheinungen gesehen, die wenig Wichtiges und sehr viel Ausschuss produzieren. Überspitzt formuliert sind Weblogs plötzlich nur noch ein Tummelplatz für Selbstdarsteller, und Wikis enthalten nur noch manipulierte Informationen. Bis zu einem gewissen Grad stimmt das auch, räumt Möller ein, aber die Schwarz-Weiß-Malerei verdeckt das eigentliche Potenzial der neuen Medien. Das Problem sei nicht die "Masse des Ordinären", sondern die drohende Zensur missliebiger Informationen durch die Machtelite.

Um das zu verdeutlichen, unternimmt Möller einen Ausflug in die jüngere Internet-Geschichte. Im Usenet, dem Anfang der achtziger Jahre entstandenen Netz von Newsgroups, habe sich erstmals "das kreative Potenzial großer Menschenmassen" gezeigt: Jeder konnte zu jedem beliebigen Thema Beiträge verfassen. Im Gegensatz zum heutigen "Internet-Hauptmedium" World Wide Web habe sich das Usenet jedoch als "extrem zensurresistent" herausgestellt. Die dezentrale Lagerung der Beiträge auf unterschiedlichen Servern mache es nahezu unmöglich, "schädliche" Informationen aus dem Internet zu verbannen. Das World Wide Web hingegen biete zahlreiche Ansatzpunkte für Zensur, zum Beispiel über die Ergebnisfilterung von Suchmaschinen oder die Abschaltung zentraler Server.

Alles ist Code

Das WWW mit all seinen Erscheinungsformen ist also noch nicht das Ende der Fahnenstange, so Möller. Viel wichtiger ist, dass das Internet sich ungehindert entwickeln und alle technischen Möglichkeiten - siehe Usenet - konsequent nutzen kann. Beim Thema Technik laufen für Möller alle Fäden zusammen: Wer die Kontrolle über den Programmcode hat, kontrolliert auch das Internet und dessen Inhalte.

Die größte Gefahr für Kreativität und freie Meinungsäußerung sieht Möller in der Kontrolle des Codes durch Konzerne wie Microsoft. "Die Windows-Kultur behandelt die Mehrzahl der Nutzer wie TV-Konsumenten, die an der Programmgestaltung nicht mitwirken, sondern nur die Programme anderer rezipieren sollen. So besteht keine Gefahr, dass aus den Reihen der Nutzerschaft ernsthafte Konkurrenz zu den kommerziellen Lösungen der Großanbieter entsteht." Nur mit frei nutzbarer Software (Open Source) lasse sich das gesellschaftliche Veränderungspotenzial des Internet voll ausschöpfen. Doch Microsoft gehe mit scharfer Propaganda, Patentklagen und Knebelverträgen gegen alternative Betriebssysteme wie Linux vor. Open Source hat aus Sicht von Möller nur dann eine Chance, wenn der Öffentlichkeit die politische Dimension dieses "Krieges" vermittelt werden kann.

Technische Details

Neben politischen Argumenten will Möller, selbst Informatiker, in seinem Buch vor allem konkrete Vorteile von Open Source liefern. So ist es denn auch nachvollziehbar, dass er technisch hin und wieder ins Detail geht. In kurzen Zwischenkapiteln gibt er Einführungen in kollaborative Weblog-Software wie Drupal oder das Redaktionssystem von Wikipedia. Besonders deutlich wird der Zusammenhang von Code und Inhalt im Kapitel über das Moderationssystem von slashdot. Dessen Macher versuchen, der schieren Masse an Beiträgen mit immer komplizierteren Bewertungskriterien Herr zu werden. Mit der Folge, dass nicht jeder Autor die gleiche Chance auf Publikation seiner Texte hat.

Überhaupt zeichnet sich Möllers Buch durch einen sehr genauen Blick auf die gegenwärtige Entwicklung des Internet aus. Es hebt sich damit wohltuend von der üblichen Hype-Literatur zum Thema ab. Die deutsche Blogosphäre beurteilt Möller durchaus kritisch. Nur wenigen Bloggern sei es bisher gelungen, mit ihren Beiträgen für politische Veränderung zu sorgen. Und auch das von ihm selbst entwickelte Bürgerjournalismus-Projekt Wikinews habe noch nicht den erhofften Widerhall gefunden. "Die Medienrevolution ist in erster Linie eine technische Entwicklung mit einem erst noch erwachenden sozialen Bewusstsein", so Möller. Sein Buch will er als Appell an genau dieses Bewusstsein verstanden wissen.

Erik Möller: Die heimliche Medienrevolution. Wie Weblogs, Wikis und freie Software die Welt verändern. dpunkt.verlag, Heidelberg 2006. 231 Seiten, 19 Euro.

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