Buchkritik : Die fantastischen Romane des Ljubko Deresch

"Intent! Oder Die Spiegel des Todes" ist der neue Roman des Autoren Ljubko Deresch.

Marius Meller

Wer würde nicht gerne über Superkräfte verfügen. Übermenschliches zu vollbringen, statt nur Menschliches, ist ein uraltes Thema. Von Achilles bis Superman sind Spezialkräfte nicht nur Selbstzweck, sondern auch ein Fluidum übersinnlicher Erkenntnis. Der 25-jährige ukrainische Autor Ljubko Deresch, der seinen ersten Roman „Kult“ mit 16 Jahren schrieb, greift es mit einer literarischen Überzeugung und konstruktiven Verve auf, dass es eine Freude ist – weit jenseits juveniler, größenwahnsinniger Effekte.

Mit elf Jahren bemerkt Petro Pjatoschkin, dass er über ein außergewöhnliches Gedächtnis verfügt. Er kann sich alles, aber auch alles merken. Die Fähigkeit verstärkt sich und beginnt ihn zu quälen. Aber mit der Zeit kann Petro diese Begabung „spirituell“ nutzen. Nicht nur für Einser in den Klassenarbeiten, sondern später auch für Reisen in andere Zeiten und Räume. Anvertrauen kann er sich kaum jemandem, denn man hielte ihn für verrückt. Seine große Liebe, eine kanadische Künstlerin, verlässt ihn, weil sie ihm bei seinen Höhenflügen nicht folgen will.

Kurz: Petro ist ein Mystiker reinsten Wassers und erscheint in einer durchsäkularisierten Welt als buntes Huhn. Man darf ruhig an die „Wiederkehr des Religiösen“ denken, wenn man dazu nimmt, dass die Literatur der Moderne aus kaum einer anderen Dialektik ihre stärksten Energien zog. Kaum einer erinnert sich daran, dass der ähnlich überbegabte junge Beckett sein Debüt mit Meditation, Erleuchtung und unio mystica nicht nur garnierte, sondern sozusagen strukturierte. Becketts Erstling „Murphy" ist auch der einflussreichste Resonanzraum von Ljubko Deresch – neben dem Werk des Psychedelikers Carlos Castañeda.

Es geht um das, was Petro „Reliefzeit“ nennt und was Mystiker aller Zeiten mit „Eins und Alles“ andeuteten. Aber Deresch rührt keinen New-Age-Brei an, sondern setzt literarisch um, was etwa der tibetische Buddhismus behauptet: dass Meditation zu absonderlichen Fähigkeiten führen kann – auf die es aber im „Erleuchtungsprozess“ letztlich nicht ankommt. Nach der enttäuschten Liebe pflegt der Held seine Großmutter bis zum Tod und wird Künstler. In die Kunst hat sich die über-rationale Erfahrung seit jeher zurückgezogen und ein Erfahrungsreservoir durch die Zeiten geschaffen. Ljubko Deresch ist eines jener Wunderkinder, deren rabaukige Begabung stärker ist als die Geduld zur Ausformung. Genau das macht aber den anarchomystischen Charme dieser lebendigen Literatur aus. Für Abgeklärteres möge Ljubko Deresch, der Früherleuchtete, noch viel, viel Zeit haben.

Ljubko Deresch: Intent! Oder Die Spiegel des Todes. Roman. Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2008. 318 S., 12 €

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