Literatur : Das große Geheimnis bleibt

Ulrich Raulff folgt den Freunden Stefan Georges bis ins Jahr 1968

Christophe Fricker
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Die erste Skulptur des George-Kreises. Ludwig Thormaehlen mit einem Holzbildnis von Ernst Morwitz in seinem Berliner Atelier...

Was waren die letzten Worte von Claus von Stauffenberg, bevor er in der Nacht des 20. Juli 1944 nach seinem Attentatsversuch auf Hitler standrechtlich erschossen wurde? Amerikanische und deutsche Kinogänger werden auf diese Frage nach Tom Cruises Film „Operation Walküre“ unterschiedliche Antworten geben. Tom Cruise ruft: „Long live secret Germany!“ Seine deutsche Synchronstimme spricht dagegen vom „heiligen Deutschland“.

„Geheimes Deutschland“, an das beide Worte anklingen, ist ein Gedicht von Stefan George. Die Debatte darum, ob Stauffenberg kurz vor seinem Tod noch einmal explizit auf seine Prägung durch George hingewiesen hat, dauert seit langem an. Vor allem Marion Gräfin Dönhoff vertrat entschieden die Meinung, Stauffenberg habe gerufen: „Es lebe das geheime Deutschland!“ In seinem kürzlich erschienenen Buch über die Hintergründe der Verschwörung beleuchtet der Philosoph Manfred Riedel die Erziehung der drei Brüder Stauffenberg durch George und beschreibt einen geistigen Resonanzraum, in dem das letzte Echo des Rufes verklingt.

Die Frage nach Georges Vermächtnis steht damit wieder im Raum. Lange war sie eine Sache noch lebender Freunde, im Exil oder in Deutschland, später wurde sie von Nachfahren an die Archivare weitergegeben. Der einst Unsterbliche und im Dezember 1933 Gestorbene war, so schien es, erst 1968 richtig tot.

Ulrich Raulff vollzieht diesen langsamen und vielgestaltigen Prozess nun in einer umfassenden Studie nach. Ihr Motto lautet: „Nichts ist interessanter als die Desintegration“. Diese kennzeichnet Raulff als Georges eigentliches „Werk“, als den Fluchtpunkt seiner Schaffenskraft. Die überlebenden Freunde vollenden die Auslöschung durch ihren „Gedächtniskult“. Raulffs dramatisches Schlussbild sind Doktoranden, die in einem Leichenfeld umherstaken. Er tut dies zu einem Zeitpunkt, da George wieder an Brisanz gewonnen hat: Durch Manfred Riedels kontroverses Buch und Thomas Karlaufs Bestseller-Biografie ist er zum Untoten geworden. Wer noch vor zehn Jahren nach George fragte, wurde gleichsam in die Porno-Ecke seiner Buchhandlung geschickt. Heute ist auch Pornografie salonfähig und George, von Karlauf zum poetischen Päderasten erklärt, fast wieder in aller Munde.

Ulrich Raulff schöpft aus dem Vollen. Er fördert eine beachtliche Zahl von bisher nicht nur unveröffentlichten, sondern weitgehend unbekannten Dokumenten zu Tage. Viele davon sind brisant: Sie bezeugen zum Beispiel, dass auf beiden Seiten des Wilhelmstraßen-Prozesses um die Schuld von Ribbentrops Außenamts-Staatssekretär Ernst von Weizsäcker Personen am Werk waren, die aus Georges Kreisen kamen. Andere Dokumente tragen zur dringend nötigen Klärung von Georges Politikbegriff bei, der in befremdlicher Spannung zu seinem Entwurf des „Staates“ steht. Georges Staat, sagt Raulff, war „in Wahrheit immer eine Privatsache“. Wieder andere Texte zeigen durch den Vergleich von Texten jüdischer und nichtjüdischer Autoren die Vieldeutigkeit der Rede vom „Blut“ und vom „Leben“. Die Voraussetzungen für immer neue Quellenfunde sind gut: Die meisten Freunde Georges waren schreibfreudig, auch wenn der Meister selbst, irgendwo zwischen „Wanderkaiser“ und „Bewohner der Steppe“, ein „Halbbruder des Ewigen Juden“, stets unterwegs war und nur ungern Spuren hinterließ.

Raulffs Darstellungs- und Formulierungskunst umspannt Länder und Kontinente: Die Spurensuche führt von Amsterdam nach Überlingen, von Oxford nach North Carolina. Zu den Protagonisten gehören schöne Shootingstars wie der Germanist Max Kommerell, Väter des Grundgesetzes wie Carlo Schmid und dezente Schweizer Industrielle wie Robert Boehringer, Georges Erbe. Es sind Widerstandskämpfer dabei und solche, die zum Nationalsozialismus überliefen, als dieser selbst George als anarchistischen Kosmopoliten und schwulen Ökologen schon wieder aufgab.

Besonders ergiebig sind die Abschnitte zu den George-Nachfolgern Hubertus zu Löwenstein, dem umtriebigen öffentlichen Intellektuellen, der im Amerika der Kriegszeit die Ortlosigkeit des geheimen Deutschland verkörperte und versprengte Geister sammelte, und zu Erich von Kahler, der aus dem Dialog mit Hannah Arendt und Albert Einstein 1943 seine „Biographie des Menschen“ vorlegt: „Man the Measure“. Raulff folgt von hier aus dem Bildungsdiskurs derer, denen George ein Mentor war, und erreicht schließlich die Gegenwart von Angela Merkel und (ungenannt) Annette Schavan: Das Herzstück bundesdeutscher Identität, die Bildungsdebatte, wird an George zurückgebunden.

Eine Leitfrage, die sich viele Freunde Georges stellten und die Raulff nachvollzieht, ist: Wie viel darf man der Öffentlichkeit preisgeben von dem, was einst ein Lebensinhalt war, und wie viel davon lässt sich überhaupt in Worte fassen? Ulrich Raulff unterscheidet präzise zwischen dem Schweigen von Erben mit Star-Allüren, dem coolen Ignorieren vermeintlich nichtiger Zeitströmungen und dem Imitieren einer Schweigegeste, die sich längst nicht mehr sicher ist, worüber eigentlich geschwiegen werden soll und warum das Schweigen einen Wert hat. Hier wird weiter zu fragen sein: Gibt es nicht doch einen Unterschied zwischen Privatem (das es nach Meinung anderer bei George gar nicht gibt) und dem Geheimen?

Zur Frage, wie man sprechen soll, gehört auch – in welcher Sprache? Die in englischsprachige Länder ausgewanderten Freunde, die zunächst ohne George-Übersetzung auskommen müssen, können ihrer neuen Umwelt nur schwer vermitteln, was denn an jenem Dichter so besonders gewesen sei. Wiederum ist es Erich von Kahler, der den Weg weist. Aus dem jüdischen Galuth-Denken schließt er, dass Jude-Sein und Übersetzen letztlich dasselbe sei. George hätte das verstanden: Die Hälfte seines Werks sind Übersetzungen; die Hälfte seines Kreises waren Juden.

Raulff schreibt davon in einer klaren und oft bildreichen Sprache. Schön sind seine Porträtskizzen etwa von Robert Boehringer und Ernst Kantorowicz. Auch das Drastische fehlt nicht, beispielsweise die wiederholte Kennzeichnung von Freundesgruppen als „Metastasen“ des George-Kreises. Dieses Buch leistet einen weiteren Beitrag in der Erschließung und Kontextualisierung von Quellen zur Geistesgeschichte des deutschen und europäischen 20. Jahrhunderts. Einige „Secrets“ werden gelüftet – das große Geheimnis bleibt bestehen.

Ulrich Raulff: Kreis ohne Meister. Stefan Georges Nachleben. C.H. Beck, München 2009. 544 Seiten, 29,90 €.

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